Sportdirektor Wolfgang Thiel über die erste Saisonhälfte - Teil zwei

12.07.2011 21:27 von Oliver Kubanek

Interview Teil zwei: Trainerabstimmung, Nachwuchsarbeit und Verbandsstrukturen

(Foto: Roland Knoll, Trainer von Jan Frodeno und Jonathan Zipf)

Die erste Hälfte der Triathlon-Saison ist vorbei. In Hamburg wird am Wochenende zum vierten Mal um Punkte für den WM-Titel gekämpft. Die deutschen Resultate sind bislang sehr verschieden. In einem zweiteiligen Interview schaut Sportdirektor Wolfgang Thiel auf die ersten Monate 2011 zurück und spricht im zweiten Teil über die Zusammenarbeit unter den Trainern, die Nachwuchsarbeit sowie über die Strukturen im Triathlon-Dachverband, die er in naher Zukunft optimieren möchte.

Wie funktioniert denn die Abstimmung mit den Trainern im Detail?

Am Jahresanfang stimmen die Verbandsverantwortlichen mit den Individualtrainern die Trainingsplanung ab. Wir haben in diesem Jahr einen klaren Rahmenplan bis zum WM-Rennen in London gemacht. Es finden auch regelmäßige Trainersitzungen und Vier-Augen-Gespräche statt, da die meisten Trainer ohnehin am Olympiastützpunkt in Saarbrücken weilen. Aber auch mit Ron Schmidt, der in Potsdam Athleten betreut, etwa Christian Prochnow, mit Anne Haugs Trainer Dan Lorang oder Lubos Bilek, mit dem Svenja Bazlen zusammenarbeitet, tauschen wir uns regelmäßig aus.

Die gemeinsamen Analysen haben als Konsequenz auch schon ergeben, dass wir in der ersten Saisonphase die Strukturen etwas verändert haben. Roland Knoll haben wir als Bundestrainer entlastet, damit er sich darauf konzentrieren kann, mit Jan Frodeno und Jonathan Zipf als Heimtrainer zu arbeiten und beide in Abstimmung mit dem Verband gezielt auf Olympia vorzubereiten.

In diesem Jahr haben Sie auch einige Neulinge in die internationalen Rennen gesandt. WM-Neulinge gab es in Madrid und in Kitzbühel. Was steckt hinter dieser Planung neben der Talentförderung?

Bei den Herren haben wir in den vergangenen Jahren regelmäßig junge Leute in den Kader integrieren können, so dass wir hier eine homogene und leistungsstarke Mischung haben. Gregor Buchholz, Sebastian Rank und Jonathan Zipf sind beispielsweise noch sehr jung. Die Nachwuchsathleten erzeugen den Etablierten so bereits einen höheren Leistungsdruck.

Das war bei den Damen zuletzt leider anders, aber unser Ziel, auch hier einen größeren Druck aufzubauen, hat sich ausgezahlt. Rebecca Robisch und Sarah Fladung sind sehr positiv und grundsätzlich auch recht stabil in die Saison eingestiegen. Im Gegensatz zu den Vorjahren haben wir nun sieben Athletinnen, die um die internationalen und die Olympia-Plätze kämpfen. Das steigert intern die Konkurrenz und das wirkt sich natürlich auch positiv auf die Leistungen insgesamt aus.

Insofern schauen Sie recht zuversichtlich in die Zukunft des deutschen Triathlon-Sports?

Ja, das tue ich, aber diesen Weg müssen wir weiter forcieren, um eine Situation wie bei den Damen in den Jahren nach 2004 nicht wieder aufkommen zu lassen. Aktuell haben wir bei den Herren eine sehr stabile Situation, aber in Franz Löschke nur einen Nachwuchsmann im Hintergrund. Das gilt es zu verbessern, wenn wir auch 2016 wieder top aufgestellt sein wollen.

Wichtig ist dabei auch, den Athleten die Möglichkeit zu geben, sich allein auf den Sport zu konzentrieren, denn zweigleisig kann Leistungssport nicht funktionieren. Da hapert es bei einer Randsportart, die zudem so zeitaufwendig ist wie der Triathlon leider noch.

Ein anderes Thema: Ein Triathlet macht ja grundsätzlich seinen eigenen Wettkampf. Inwieweit ist Triathlon eigentlich auch eine Mannschaftssportart auf diesem hohen Niveau?

Triathleten sind ganz klare Individualisten. Aber das Training in der Gruppe und das soziale Miteinander, das gegenseitige Anstacheln, die Konkurrenz, das gemeinsame Erleben der Trainingsschmerzen sind natürlich leistungsfördernd. Zu beobachten ist allerdings immer wieder, dass Sportler dazu neigen, die Gruppendynamik zu verlassen, wenn sie sich als die Leistungsstarken sehen und dann der Meinung sind, dass die Schwächeren sie bremsen. Dann stellt sich außerdem das Gefühl ein, dass man als vermeintlich besserer Athlet, quasi allein dazu beiträgt, die anderen zu pushen und stärker zu machen.

Das klingt nicht wirklich förderlich mit Blick auf die gemeinsamen Trainingslager und Lehrgänge…

Nein, nein, das ist im Sport eine normale Denke und die Triathlon-Nationalmannschaft funktioniert wirklich hervorragend miteinander. Aber man muss halt sehen, dass letztlich jeder sich selbst der nächste ist. In den Trainingslagern und Lehrgängen wirken wir immer zusammen und steuern in die gleiche Richtung. Das ist schließlich auch leistungsfördernd, denn unsere Athleten demonstrieren seit Jahren ihre Zugehörigkeit zur absoluten Weltelite. Dennoch haben wir noch einige Aufgaben vor uns.

Die da lauten?

Bei den Individualtrainern sind wir wirklich gut aufgestellt, was unsere DTU-Starter betrifft. Die haben – vornehmlich der erwähnten abgestimmten Jahresplanungen - auch viele Freiheiten, was ihre Athleten betrifft. Das war auch mit Blick auf 2008 schon so. Ebenso funktioniert das Trainings- und Vorbereitungssystem gut, aber hier wünsche ich mir schon noch einige Korrekturen. Die Top-Athleten, die ihren Wohnsitz am Olympiastützpunkt Saarbrücken haben, möchten wir in eine Trainingsgruppe zusammenführen, damit sie die grundlegenden Trainingsinhalte gemeinsam absolvieren. Bei den U23-Athleten hat sich das eindeutig bewährt.

Zudem würde ich gern schneller und flexibler reagieren können, um spezielle Trainingelemente und auch Trainingslager kurzfristig ermöglichen zu können. Ein Beispiel: Wenn unsere Analysen ergaben, dass einige Athleten auf dem Rad nicht die erforderliche Form haben, muss auch mal ein kurzer Ausflug in die Berge möglich sein, um Defizite aufzuarbeiten. Dafür fehlt es aktuell aber unter anderem an Trainern im System.

Diese Aufgaben gehen wir aber gezielt an und sind optimistisch, in den nächsten Jahren eine spürbare Verbesserung zu erzielen.

Medienkontakt:

Oliver Kubanek, Tel.: 0231-14 86 56, E-Mail: kubanek@dtu-info.de

Zurück