"Der Reiz? Mit Leuten arbeiten, die für eine Sache brennen"

09.10.2019 08:49 von Thorsten Eisenhofer

Die Saison der deutschen Nachwuchsathleten hatte einige Höhepunkte zu bieten. Beispielsweise den Gewinn von EM-Gold im Mixed Relay. Wir haben mit Nachwuchsbundestrainer Thomas Moeller über die Besonderheit der Arbeit mit jungen Menschen und Ungeduld gesprochen und erfahren, warum der Übergang in die Elite so schwierig ist und was passiert, wenn man sich aus der Ruhe bringen lässt.

Wie viel Reisezeit hat so ein Bundestrainerjob?

Ich habe ein Reisetagelevel von 80 bis 100 Tagen im Jahr. Man ist schon viel unterwegs beziehungsweise kommt auch schon mal erst spät abends oder nachts nach Hause.

Macht das viele Unterwegssein den Reiz des Jobs aus?

Der Reiz für mich ist es, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, die für eine Sache brennen, und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Das sind Leute, die hochgradig eigenmotiviert sind und Zielstellungen verfolgen. Sie dabei zu unterstützen, ist einfach eine schöne Sache. Da bringt der Beruf eine gute Mischung mit aus praktischer Arbeit mit den Athleten, direktere Arbeit mit den Heimtrainern und konzeptioneller Arbeit. Die Mischung ist das Angenehme für mich.

Fiebert man auch als Trainer den Höhepunkten einer Saison entgegen?

Das ist absolut so. Es gibt Athleten, die da schon sehr abgezockt sind. Mit den Neulingen ist es nicht immer einfach. Da gilt es dann für mich, Ruhe auszustrahlen, keine Hektik vor dem Start aufkommen zu lassen und alle Eventualitäten, die da von rechts und links kommen können, von den Athleten fernzuhalten.

Ist es denn so einfach, Ruhe zu bewahren, wenn man selbst angespannt ist?

Inzwischen geht das schon, weil ich das ja mittlerweile ein paar Jahre mache. Ich hatte in früheren Bundestrainerjahren aber auch Situationen, in denen mir das weniger gelungen ist. Und das überträgt sich dann sofort auf die Sportler. Ein Beispiel: Lasse Priester hatte bei der Junioren WM 2014 in Edmonton Laufräder, die nicht UCI-konform waren. Wir haben das sehr spät gemerkt und hatten nur noch kurz Zeit, die Ersatzlaufräder aus der Wheelstation zu holen, sie einzubauen und zu schauen, ob die Schaltung läuft.

Und dann lief die Zeit weg.

Ja. Deshalb habe ich nicht gemerkt, dass die Felgenbreite anders war und die Bremsen nur auf den letzten Pfiff gezogen haben. Lasse hatte dann bergab auf einem profilierten Radkurs ein Problem beim Bremsen, sodass er weit hinten in die zweite Wechselzone kam, auf den ersten 1000 Laufmetern zur Spitze vorgestürmt ist und es ihm hintenraus den Stecker gezogen hat. Mein Anfängerfehler hat ihm, wenn man so will, die Medaille gekostet. Wenn ich da noch ein bisschen mehr Ruhe ausgestrahlt hätte, mir ein Werkzeug besorgt hätte, die Bremsen nachgestellt hätte und er fünf Minuten später eingecheckt hätte, das wäre auch noch in Ordnung gewesen.

Wie ordnest du die Saison 2019 ein?

Das war keine herausragende Saison, aber eine gute mit dem EM-Titel der Staffel als Höhepunkt und soliden Einzelergebnissen, die dazu geführt haben, dass zumindest zwei der Nachwuchsathleten den Perspektivkaderstatus erhalten haben (Eric Diener und Simon Henseleit, Anm. d. Red.). Mit Selina Klamt, Katharina Möller und Franca Henseleit haben sich auch drei junge Frauen empfohlen, die nächstes Jahr noch in der Nachwuchsklasse starten und langfristig die Voraussetzungen haben, in der Elite Fuß zu fassen.

Und wenn wir über die internationalen Meisterschaften hinaus blicken?

Wir haben 2018 mit den Landestrainer zusammengesessen und überlegt, wie wir den DTU-Jugendcup weiterentwickeln, gerade im Hinblick auf die Anforderungen, die in Zukunft auf die Athleten zukommen. Mit dem Wettkampf in Jena hatten wir einen großen Erfolg. Die Veranstalter dort waren bereit, den Double-Sprint zu machen. Die Sportler haben sich im Vorfeld unheimlich viele Gedanken gemacht, wie sie mit den neuen Anforderungen zurechtkommen. Wo stecke ich mir die Schwimmbrille hin? Wie setze ich mir die Badekappe beim Lauf auf? Wie muss ich mich taktisch verhalten? Für uns war es wichtig, komplexe, neue Anforderungen zu stellen. Die Sportler konnten sich darauf einstellen und werden das nächste Mal mit weniger Aufregung daran gehen.

Wo steht Deutschland im internationalen (Nachwuchs-)Vergleich?

Ich habe gerade die Ergebnisse bei internationalen Meisterschaften aus der Vergangenheit angeschaut. Mein Fazit ist, dass Deutschland zu dem Kreis der Nationen gehört, die immer in der Lage sind, vordere Platzierungen zu erreichen. Es kristallisieren sich ein paar Nationen heraus, die über ein hohes Leistungsniveau verfügen. Das sind Australien, Großbritannien, die Franzosen, die Italiener, die Portugiesen, die Spanier. Mit Frankreich und Großbritannien sehe ich uns nicht auf Augenhöhe.

Was fehlt dafür?

Da fehlt uns die Masse an trainierenden Athleten, wenn wir gewisse Leistungsmaßstäbe ansetzen. Wenn wir das zum Beispiel mit den Briten vergleichen. Wenn ich die zehn besten Deutschen nehme, dann verfügen die Briten über das Vierfache an Athleten auf dem Niveau. Uns fehlt auf einem guten Niveau einfach die Breite.

Ist der Übergang von den Junioren in die Elite der schwerste?

Ja, da kommen mehrere Faktoren zusammen: Abitur, Wohnortwechsel, sportliche Entwicklung. Meist fällt das Ende des Juniorenalters mit dem Schulabschluss zusammen. Fast alle Kaderathleten machen das Abitur. Dann steht die Frage an, was mache ich danach? Fang ich ein Studium an, mache ich Berufsförderungsdienst, mache ich ein Freiwilliges Soziales Jahr, gehe ich in die Sportfördergruppe der Bundeswehr, zur Landepolizei, mache ich ein Stipendium in den USA? Einfach ausgedrückt: Inwieweit begebe ich mich auf den Pfad mit der Zielstellung Profisportler zu werden, um mich vielleicht in die Weltspitze zu bewegen. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, zum Teil in Verbindung mit Ortswechsel.

Wie kann man Athleten dabei unterstützen?

Wir haben Instrumente, um die Athleten zu unterstützen. Da sind die Laufbahnberater der Olympiastützpunkte, wenn der Sportler in diesen Strukturen trainiert. Wir gehen auf die Bundeskaderathleten zu, um mit ihnen darüber zu sprechen, was sie machen wollen. Die Athleten müssen aber auch wissen, welchen Weg sie gehen wollen. Wenn sie sich auf den Weg in die Eilte begeben, können sie eine Zeit lang dual fahren. Wenn es dann aber um absolutes Hochleistungsniveau geht, wenn es um die Weltspitze oder die Qualifikation für Olympische Spiele geht, dann gibt es nur einen Weg: Triathlon als Fulltime-Job.

Haben Athleten zu wenig Geduld bei dem Übergang?

Es kann schon sein, dass die Athleten zu wenig Geduld haben. Der normale Übergang dauert vier, fünf Jahre, dafür gibt es viele Beispiele. Nur die absoluten Ausnahmen, wie etwa eine Laura Lindemann, schaffen das schneller. Im Nachwuchsbereich messen sich die Athleten international mit drei oder vier Jahrgängen. Bei der Elite sind es nur die Besten aus all den Jahrgängen. Das ist – so hart das klingt - ein Selektionsprozess.


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