"Eine Goldmedaille ist die Eintrittskarte für alles"

29.08.2019 10:48 von Thorsten Eisenhofer

Am Sonntag geht es für die Para-Triathleten bei der WM in Lausanne (Schweiz) um die Medaillen. Jonas Klee und Thorsten Eisenhofer haben mit Para-Bundestrainer Tom Kosmehl über die positive Entwicklung von Christiane Reppe, die Erwartungen von Paralympics-Sieger Martin Schulz, Umsätze von Zementwerken in Japan und Goldmedaillen als Türöffner gesprochen. (Den ersten Teil des Interviews lest ihr hier).

Haben die Erfahrungen von Trainingslager und Weltcup in Japan Anfang August Auswirkungen auf die Vorbereitung auf die Paralympischen Spiele 2020?

Es gibt durchaus Möglichkeiten: Zum Beispiel können wir einen Hitzelehrgang abhalten oder im Hitzezelt trainieren. Weiterhin sin auch hitzeähnliche Bedingungen in unseren Breitengraden möglich. Wir können unser gesamtes Training nicht auf die Spiele 2020 ausrichten. Wir sind für das Thema Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit sensibilisiert, werden es aber auch nicht überbewerten. Zumal bei den Sportlern vorher noch andere Wettkämpfe anstehen und sie sich darüber erst einmal für Tokio 2020 qualifizieren müssen.

Wie hat dir persönlich Japan gefallen?

Es war schön, Tokio zu sehen. Es ist eine sehr hektische und volle Millionen-Metropole. Die Zementwerke machen dort wunderbaren Umsatz, dort ist alles zubetoniert. Das Hinterland von Tokio mit dem dichten Bambus-Dschungel, Reisfeldern und exotischen Tieren hat mir aber deutlich besser gefallen. Da würde ich auch privat Urlaub machen. Die Tiere waren anders und größere als bei uns. Aus einem kleinen Laubfrosch wird dann ein Gebilde, das gequarkt hat, aber ähnlich einem Hund aussieht. Halleluja. Die Wildschweine glichen einem Wildschwein aus Asterix und Obelix. Dem willst du lieber nicht begegnen.

Haben die schwierigen klimatischen Bedingungen vor Ort die Vorfreude auf die Spiele getrübt?

Nein, überhaupt nicht. Der olympische und paralympische Gedanke überwiegt und die Vorfreude ist wahnsinnig groß. Jetzt wissen wir, was auf uns zukommt. Dadurch ist die Vorfreude sogar nochmal gestiegen. Tokio bereitet sich vor. Überall auf den Straßen wird für die Spiele Werbung gemacht – und das in gleichem Maße für die Olympischen und Paralympischen Spiele. Das freut uns und das haben die Athleten natürlich auch mitbekommen.

War das bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 anders?

Die Begeisterung für die Paralympischen Spiele war in Brasilien bei der Bevölkerung teilweise höher. Die Eintrittspreise für unsere Wettkämpfe waren deutlich günstiger als für die Olympischen Spiele. Die Paralympics waren somit für die breite Bevölkerung eher zugänglich. Diese Vorfreude und diesen Zuspruch haben wir zu spüren bekommen. Umgekehrt haben wir zu spüren bekommen, dass in Brasilien das Geld für die Paralympics knapp wurde.

Inwiefern?

Wir hatten zum Beispiel einen riesigen Fuhrpark an Autos, aber keine Fahrer, die uns gefahren haben. Das mussten wir selber machen. Auch die Abschlussfeier im Maracana-Stadion haben wir uns anders vorgestellt. Dennoch ist uns positiv aufgefallen, dass dieses arme Land Brasilien voll hinter den Spielen stand. Die Begeisterung war riesig. Viele Leute wollten Fotos mit uns machen, uns zum Essen einladen oder einfach nur mit uns sprechen. Durch die Goldmedaille von Martin (Schulz, Anm. d. Red.) hat das eine andere Dimension erreicht. Uns wurde damals gesagt: Eine Goldmedaille ist die Eintrittskarte für alles (lacht).

Was erwartest du von den Spielen in Tokio?

Von der Organisation wird es sicherlich perfekt werden. Dafür sind die Japaner bekannt. Es wird keine Probleme geben, sondern nur Herausforderungen. Und dafür haben die Japaner sicherlich schnell eine Lösung parat. Ich freue mich sehr auf die Spiele und bin gespannt, ob wir den sportlichen Wettkampf so gestalten können, wie wir uns das vorstellen.

Sind die Spiele in Rio mit der Goldmedaille von Martin sportlich überhaupt noch zu toppen?

Unser Ziel ist es, mit zwei oder sogar drei Sportlern nach Tokio zu fahren. Natürlich sind die Erwartungen hoch. Martin will seine Medaille verteidigen. Er ist der Favorit, weil er die Goldmedaille hat. Aber die Konkurrenz ist stark. In den letzten Jahren hat der Kanadier Stefan Daniel die Weltmeisterschaften für sich entschieden. Dementsprechend liegt der Druck bei ihm. Das könnte für Martin zum Vorteil werden.

Wo muss sich Martin noch verbessern?

Vor Rio war klar, dass die Goldmedaille nur über Martin geht. Das hat er trotz seiner Verletzung kurz vor den Spielen geschafft. Jetzt sieht es eben anders aus. Stefan Daniel hat sich wahnsinnig entwickelt und ist der Favorit. Beim Laufen wird er kaum zu schlagen sein. Jetzt müssen wir schauen, wie wir das Drehbuch schreiben. Bei Martin ist auf jeden Fall noch einiges rauszuholen. In Tokio beim Weltcup war der Abstand recht groß. Allerdings liegt Martins Fokus auf der Weltmeisterschaft und der Europameisterschaft. Mit guten Ergebnissen dort würde er die Qualifikation für die Spiele perfekt machen. Und die steht erst einmal über allem.

Wie zufrieden bist du mit der Entwicklung von Christiane Reppe?

Ihre Entwicklung ist sehr positiv. Vor allem in ihrer dritten Disziplin, dem Rennrollstuhl, hat sie sich stark verbessert. Sie macht das ja erst seit einem dreiviertel Jahr und es ist von der koordinativen und muskulären Seite sehr anspruchsvoll. Ich bin sehr gespannt auf ihre Ergebnisse bei der WM und EM. Da treffen alle aufeinander, die der Weltklasse angehören. Es ist schwer zu sagen, ob es für Christiane um die Goldmedaille geht oder „nur“ um einen Platz auf dem Podest. Fest steht: Christiane hat etwas drauf! Sie hat auf jeden Fall eine sehr professionelle Einstellung, baut alles um ihr Training herum.

Wie stehen ihre Chancen für eine Paralympics-Qualifikation?

Christiane ist eine Quereinsteigerin. Aufgrund ihrer guten Entwicklung und ihrer starken Leistungen in ihren vorherigen Disziplinen Schwimmen und Handbiken kann sie sich gute Chancen ausrechnen. Für sie als Neuling ist es allerdings nicht so leicht, Startmöglichkeiten bei wichtigen Rennen zu erhalten und so Punkte für Tokio zu sammeln. Umso wichtiger sind für sie daher die WM und die EM. Drei Wettkämpfe zählen für die Paralympics-Qualifikation. Wenn sie bei EM und WM gut abschneidet, ist mit einer Paralympics-Teilnahme zu rechnen.

Den ersten Teil des Interviews lest mit Tom Kosmehl ihr hier


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