"In Tokio geht es darum, mir selbst etwas zu beweisen"

26.06.2019 08:02 von Thorsten Eisenhofer

Für den Para-Triathleten Martin Schulz (Leipzig) beginnt am Freitag (28. Juni) mit dem Rennen der World Paratriathlon Series (WPS) in Montreal (Kanada) der Qualifikationsweg zu den Paralympics in Tokio (Japan) 2020. Im Interview spricht Schulz über seinen Traum vom zweiten Paralympics-Gold, über die Schwierigkeit, sich immer weiter zu entwickeln und erzählt, warum er nicht mehr der Trainingsweltmeister ist.

Martin, am Freitag steht das Rennen der World Paratriathlon Series in Montreal an. Es ist ein wichtiges Rennen für dich.

Ja, es sind die besten Athleten der Welt am Start, auch weil es das erste Rennen des Qualifikationszeitraumes für die Paralympischen Spiele in Tokio 2020 ist. Da will natürlich jeder dabei sein. Ich treffe zum ersten Mal seit September 2018 auf meinen stärksten Konkurrenten Stefan Daniel. Es wird ein spannendes Duell. Für ihn als Kanadier ist es ein Heimspiel. Ich habe 2016 bei den Paralympics gewonnen. Er will 2020 unbedingt gewinnen.

Welche Aussagekraft hat solch ein Wettkampf schon für die Paralympischen Spiele über ein Jahr später?

Erst einmal muss ich mich qualifizieren. Aber klar ist: Ich will in Tokio noch einmal Gold gewinnen. In Rio de Janeiro 2016 hatte ich nur Plan A. Es wäre eine große Enttäuschung gewesen, wenn ich nicht gewonnen hätte. In Tokio gehe ich die Sache nun anders an: Wenn ich dort mit einem guten Rennen Zweiter oder Dritter werde, geht die Welt auch nicht unter. In Tokio geht es darum, mir selbst etwas zu beweisen. In Rio haben alle von mir die Goldmedaille erwartet. Da wurde ich bei der Abreise vor den Spielen ja quasi schon als zukünftiger Paralympics-Sieger verabschiedet. Für viele Leute wäre alles andere als mein Sieg eine große Enttäuschung gewesen.

Spürst du den Druck des Immer-Gewinnen-Müssens?

Der Druck ist schon da. Es erwarten einfach viele von mir, dass ich immer gewinne. Aber welcher Sportler gewinnt schon immer?

Aber es macht sicherlich auch Spaß, zu gewinnen?

Es ist ein extrem cooles Gefühl, zu gewinnen. Dafür macht man den Sport. Und wenn es dann im Training mal nicht so läuft, kann man im Kopf die Bilder von den Erfolgen abrufen.

Ist es schwerer, hart an sich zu arbeiten, wenn man stets erfolgreich ist?

Ich bin noch genauso motiviert wie vor ein paar Jahren. Es macht Spaß, sich immer weiterzuentwickeln, selbst wenn es nur kleine Sachen sind, an denen man arbeitet. Aber klar ist: Es ist schwierig, sich immer weiterzuentwickeln, vor allem ab einem bestimmten Alter. Aber das Ziel, immer besser zu werden, treibt mich an.

Ist das nicht in gewisser Weise ein Widerspruch?

Ja, es wird mit dem zunehmenden Alter immer schwieriger, an die Trainingsleistungen aus der Vergangenheit heranzukommen, gerade im Schwimmen, wo ich es ja auch schon mal bis zu den Paralympischen Spielen geschafft habe. Es ist schwer, das Niveau zu halten. Und das ist natürlich manchmal deprimierend. Aber ich weiß mittlerweile, wie ich damit umgehen muss, bin in den vergangenen Jahren gereift, habe gelernt, dass manchmal weniger mehr ist. Ich weiß mittlerweile, was ich brauche. Ich muss nicht mehr im Training die Superrekorde abreißen. Wichtig ist es, im Wettkampf die beste Leistung abzurufen.

Warst du früher der Trainingsweltmeister?

Ich bin schon immer sehr ehrgeizig, trainiere immer noch auf Rekordniveau im Vergleich zu vielen meiner Konkurrenten. Ich bin sehr trainingsfleißig und ärgere mich, wenn ich eine Einheit mal nicht so durchziehen kann. Aber ich gehe schon mit einem anderen Bewusstsein in das Training als früher. Der Erfolg der vergangenen Jahre gibt mir dabei auch Recht. Ich habe bei allen wichtigen Rennen in den vergangenen Jahren immer den ersten oder den zweiten Platz belegt und bin seit 2012 jedes Jahr Europameister geworden.


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