"Wille, Fleiß und Freude" - Inge Stettner im Interview

21.01.2019 09:48 von Jonas Konrad

Seit 2007 reist Inge Stettner durch Europa und die Welt. Vier Gold-, sieben Silber- und drei Bronzemedaillen sind ihre stolze sportliche Bilanz aus mehr als einem Jahrzehnt Triathlon.

Die 70-Jährige Berlinerin ist eine der erfolgreichsten Triathletinnen der DTU-Altersklassen-Nationalmannschaft. In dieser Saison sorgte Stettner in Estland, Schottland und Australien für Furore.

Inge, auf welche Deiner Leistungen in 2018 bist Du besonders stolz und warum?

Stolz ist nicht das richtige Wort. Ganz besonders freue ich mich jedes Mal, wenn ich vor den gut trainierten Athletinnen aus England ins Ziel komme. In dieser Saison ist mir das in Tartu und Glasgow gelungen. Der Sieg in Glasgow aber auch besonders, weil ich wegen einer Rückenblockade mit einem Handicap am Start war. Eigentlich konnte ich mich kaum bücken und das Laufen war nicht wirklich angenehm. Dennoch habe ich mich durchgebissen, so wie die Briten das auch tun.

Bei der WM in Australien war ich von der Silbermedaille im Sprint selbst überrascht, denn das Rennen war nur als Vorbereitung gedacht. Doch es lief von Anfang an sehr gut. Dazu kam, dass mich meine Tochter während des Wettkampfs über meine Platzierung auf dem Laufenden gehalten hat. Das hat mich zusätzlich angespornt.

Welche internationale Meisterschaft ist Dir bis heute am meisten in Erinnerung geblieben?

Ganz klar. Das waren die Weltmeisterschaften 2014 in Edmonton. In diesem Jahr verstarb meine Mutter, ich bekam kurz danach einen schweren Bandscheibenvorfall und hatte die Saison eigentlich abgehakt. Doch mit großem Willen, Trainingsfleiß und Freude habe ich mich bis September wieder in Form gebracht. Auch, wenn ich zwischendurch Zweifel hatte. Aufgeben ist leicht, zu kämpfen für mich aber die bessere Alternative. Umso mehr habe ich mich dann über den dritten Platz gefreut. In Edmonton war auch das Gesamtpaket stimmig. Alles top organisiert. Das habe ich danach so nie wieder erlebt. Leider werden die Meisterschaften immer stärker vermarktet, sodass das freudvolle und menschliche aus meiner Sicht mehr und mehr auf der Strecke bleibt.

Was reizt Dich daran, Deutschland seit so vielen Jahren bei internationalen Triathlon-Meisterschaften als Age Grouper zu repräsentieren?

Der Vergleich mit den Sportlerinnen aus anderen Nationen spornt mich am meisten an. Auch, weil es in Deutschland nur wenige Triathletinnen in meinem Alter gibt. Anfangs war ich bei den Meisterschaften noch sehr zurückhaltend, vor allem mit der deutschen Fahne. Mittlerweile schwenke ich sie aber – wie die Britinnen – jedes Mal, wenn ich ins Ziel laufe und vergesse die Geschichte. Ich gebe zu, dass ich noch immer hin und hergerissen bin, weil ich mit vielem, was in unserem Land passiert nicht einverstanden bin. Leider ist auch der Zusammenhalt unter den DTU Age Groupern noch nicht so ausgeprägt wie bei den Briten oder US-Amerikanern.


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