"Sehe das Zurückkämpfen nun als Herausforderung"

14.11.2019 14:57 von Thorsten Eisenhofer

Justus Nieschlag (Lehrte) erlebte eine Saison mit einigen Höhen, aber auch Tiefen – wie der bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin zugezogenen Zehenverletzung. Im Interview spricht der 27-Jährige über ungewollte Urlaube mitten in der Saison, einen weggeworfenen Schuh und über eine Situation, an die er sich nicht wirklich erinnern kann.

Justus, deine Off-Season ist gerade zu Ende gegangen.

Ich habe am Montag meinen ersten Trainingsplan bekommen. Davor war es drei Wochen etwas lockerer. Ich habe zwar einiges gemacht, aber nichts war ein Muss. Ich habe mich gefreut, auch mal Zeit für andere Dinge zu haben. Wir (Justus und seine Freundin Lina Völker, Anm. d. Red.) haben nicht so richtig Urlaub gemacht. Aber wir haben jedes Wochenende etwas unternommen. Und der Umzug steht auch bevor. Lina und ich werden in Saarbrücken in der Stadt zusammen eine Wohnung beziehen.

Ist es eigentlich schwierig, vom Sport abzuschalten, wenn die Freundin auch Triathletin ist?

Das gelingt uns ganz gut. Wir schaffen es, das Thema Triathlon nach dem Training sein zu lassen und vom Sport abzuschalten.

Auf richtigen Urlaub habt ihr verzichtet. Was mutmaßlich daran lag, dass die letzten drei, dreieinhalb Monate bei dir anders verlaufen sind, als geplant und erhofft.

Ja, meine Saisonpause hatte ich eigentlich schon Anfang August nach meiner bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin erlittenen Zehenverletzung. Ich konnte dann zehn Tage nichts machen, außer Arzttermine wahrnehmen. Es war dann wichtig, jetzt noch mal eine Pause für den Kopf zu nehmen. Die hatte ich damals nicht, weil ja nicht klar war, kann ich bald wieder Wettkämpfe bestreiten? In solch einer Situation schaltet man vom Kopf her nicht ab.

Die Verletzung hast du dir in Berlin beim zweiten Wechsel zugezogen, als dein Zeh in die Speichen deines Rads geraten ist. Du hast dann erst deinen Laufschuh weggeworfen, dann doch angezogen und bist auf die Laufstrecke. Warum?

Das werde ich häufiger gefragt (lacht). Ich kann mich bis heute nicht wirklich an die Situation erinnern. Was ich sagen kann: Ich habe den Schuh weggeworfen, weil der Zeh abstand und nicht in den Schuh passte. Ich hatte das bis zu diesem Zeitpunkt aber gar nicht gemerkt. Man ist ja mitten in so einem Rennen bis Oberkante Unterlippe voll mit Adrenalin. Ich habe dann nur gedacht: Ich bekomme den Schuh nicht an, weil der Zeh schief steht. Also muss ich den Zeh gerade biegen, um den Schuh anziehen zu können. Das habe ich gemacht. Und dann bin ich losgelaufen.

Du musstest dann kurz darauf doch aufgeben. Das nächste Rennen nach Berlin wäre das olympische Testevent in Tokio (Japan) gewesen, wo die Möglichkeit bestand, sich ein Olympia-Ticket zu sichern. Wie groß war direkt nach dem Rennen in Berlin die Hoffnung, für Tokio wieder fit zu sein?

Die Hoffnung war da. Die Ergebnisse der ersten Untersuchungen waren ja gut, am Knochen war nichts kaputt. Auch nach dem MRT am Folgetag hieß es, alles ist gut. Zwei Tage später bin ich dann zu einem Fußspezialisten in Hannover gegangen. Der hat gesagt: Wenn du Glück hast, müssen wir nicht operieren. Ansonsten wirst du ein halbes Jahr aussetzen müssen. Da war dann klar, ich werde erstmal kein Rennen mehr absolvieren können.

Es wurde eine tiefe Schnittwunde zwischen zwei Zehen sowie eine Sehnen- und Kapselverletzung diagnostiziert. Wie bitter war es, deswegen in Tokio nicht antreten zu können?

Es war hart, das Rennen von zu Hause zu verfolgen. Es wäre schwer geworden, gegen Jonas auf der Olympischen Distanz um das Ticket zu kämpfen (der beste Deutsche bekam in Tokio einen Olympia-Startplatz, sofern er eine Top-12-Platzierung erreicht, Anm. d. Red.), er hatte eine starke Saison. Aber ich hätte mich der Aufgabe gerne gestellt. Das nicht zu können, tat schon weh. Aber es gibt nächstes Jahr noch eine Chance, sich das Ticket beim internen Qualifikationswettkampf zu sichern. Die will ich nutzen.

Du hattest in den vergangenen Jahren immer wieder Verletzungsprobleme. Man könnte fast sagen, du bist so etwas wie ein Pechvogel.

Irgendwie schon. Es kommt immer etwas. Ich sehe es mittlerweile als sportliche Herausforderung, mich immer wieder zurückzukämpfen. Aber man muss hier auch klar unterscheiden zwischen Verletzungen, die wegen einer Überbelastung oder ähnlichem entstehen, oder einer Selbstzerstümmelung, also einem Unfall, für den man nur bedingt etwas kann.

Bis zu dem Rennen in Berlin hattest du eine starke Saison: Silber im Mixed Relay bei WM und EM, Weltcupsieg in Madrid, Rang sieben beim Rennen der World Triathlon Series in Hamburg. Wie ordnest du die Saison ein?

Im Großen und Ganzen war die Saison ziemlich gut. Ich habe sehr gute Leistungen gezeigt, auch wenn sicherlich noch Potential da ist. Ich habe gemerkt, dass ich solche Leistungen abrufen kann, wenn ich verletzungsfrei durch die Saison komme. Die Ergebnisse und die Leistungen stimmen mich auf jeden Fall positiv für die Zukunft.


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