Zwischen Roth und Rollator, Todesängsten und Triumphen

25.11.2019 14:04 von Thorsten Eisenhofer

Gunnar Klös war auf dem Weg, sich einen sportlichen Traum nach dem anderen zu erfüllen. Dann spielte sein Körper nicht mit, bei einer Operation folgte ein Ärztefehler. Es war nicht klar, ob Gunnar die Situation überleben wird. Er überlebte, absolviert auch wieder Triathlons – auch wenn im Leben des heute 46-Jährigen einiges anders ist als zuvor.

Überlebenskampf anstatt Hawaii

Zu dem Zeitpunkt, als Gunnar im Herbst 2015 ins Krankenhaus geht, träumt er noch davon, sich für die Ironman-WM auf Hawaii zu qualifizieren. Doch die Operation, die sein Leben eigentlich verbessern soll, verschlechtert es rapide. Ein Arzt verletzt bei der OP eine Arterie, was zuerst unbemerkt bleibt. Gunnar erleidet einen Blutverlust von rund 30 Prozent und einen Schlaganfall im Kleinhirn. Es ist zu diesem Zeitpunkt unklar, ob er überleben wird.

13 Jahre vor jenem verhängnisvollen Tag im Herbst 2015 hat Gunnar seinen ersten Marathon absolviert. Im Laufe der kommenden sechs Jahre steigert er seine Bestzeit bis auf 2:48 Stunden. Er spürt, viel schneller wird er nicht laufen können. Eine neue Herausforderung muss her. Gunnar entdeckt den Triathlon für sich, spürt bald den Reiz der Langdistanz. Ein Start beim Ironman Frankfurt wird sein großes Fernziel, auch wenn das Schwimmen für ihn am Anfang ein Kampf ist. „Ich war schon froh, wenn ich 50 Meter am Stück geschafft habe. Danach musste ich mich erst einmal am Beckenrand festhalten, so blau war ich.“

Lebensbedrohliche Erkrankung

Doch er macht schnell Fortschritte. Drei Jahre nach seinem Triathlondebüt startet er in Frankfurt. Er finisht in 10:19 Stunden – trotz Neoprenanzugverbots. Gunnar ist happy, steckt sich neue Ziele, die Triathlonwelt scheint ihm offen zu stehen. Er ist ja erst Mitte 30.

Dann kollabiert 2011 seine Lunge. Plötzlich und völlig unerwartet. Ein Lungenflügel fällt einfach so zusammen. Ein bitterer Moment. Nicht nur für den Sportler Gunnar. Auch für den Menschen Gunnar. Die Ärzte diagnostizieren einen Spontan-Pneumothorax. Aber niemand kann Gunnar sagen, woran das liegt. Niemand. Bis heute nicht.

„Die Erkrankung kann lebensbedrohlich sein“, sagt Gunnar. Er muss sich damit abfinden, zu lernen, damit umzugehen. Eine andere Wahl bleibt ihm auch nicht. Mindestens einmal im Jahr kollabiert die Lunge, weitere Operationen folgen. Aber es folgen dazwischen eben auch sportliche Höchstleistungen und Höhenflüge. 2013 schafft er bei der Challenge Roth eine Zeit von 9:42 Stunden. Es entsteht der Wunsch, sich für die Ironman-WM auf Hawaii zu qualifizieren. Daraus wird jedoch nichts, weil die Lunge nicht mitspielt. Operationen folgen. Unter anderem jene verhängnisvolle im Jahr 2015.

Die Operation überlebt Gunnar nur knapp. Er verbringt eine Woche auf der Intensivstation. Es folgen sechs Wochen Reha. Seine linke Körperseite ist teilweise gelähmt und Ablauf und Koordination von Muskelbewegungen sind beeinträchtigt, er benötigt einen Rollator, um sich fortzubewegen. „Es ging fast gar nichts.“ Er sagt, er sei mit der Situation klargekommen. Aber besonders für seine Familie ist es schwer. Die kennen ihn als sportlichen Menschen. Nun schlurft er ihnen auf den Rollator gestützt entgegen.

"Andere hat es noch härter getroffen"

Gunnar weiß: Das kann es nicht gewesen sein. Er setzt sich das Ziel, ein paar Wochen später bei einem Silvesterlauf zu starten. Auch wenn er dafür viel Kopfschütteln erntet. Und die Realität sieht auch anders aus: Es dauert ein halbes Jahr, bis er wieder ein paar Minuten joggen kann. Da ist der Silvesterlauf längst vorbei.

Gunnar muss feststellen, dass er weit weg ist von jenem Leistungssportler von vor der Operation. Am Anfang sind die Ziele noch groß. Doch spätestens, als er bei einem Triathlonwettkampf, dem ersten nach dem Kleinhirninfarkt, beim Schwimmen wegen einer Panikattacke im Wasser aussteigt, ist klar: Alles ist anders.

Er könnte aufgeben. Aber das will und kann er nicht. Auch seine Familie, sein Sohn ist gerade sechs Monate alt, braucht ihn umso mehr. Stattdessen macht er das Beste aus seiner Situation: Er nimmt die Situation an, wie sie ist. Freut sich über das, was noch geht. Anstatt sich über das zu ärgern, was nicht mehr geht. Es geht ihm im Sport, im Triathlon, nun um das Teilnehmen an sich. Darum, dabei sein zu können. Die Zeit und die Distanz sind egal. „Andere in meiner Situation hat es noch härter getroffen. Sie sind ein Pflegefall“, sagt Gunnar und fügt an: „Ich kann Sport machen.“ Seine Ehefrau Jasmin und sein Sohn Linus haben ihm in den vergangenen Jahren viel Kraft gegeben.

Es ist eine traurige, eine nachdenkliche Geschichte. Es ist aber auch eine Geschichte, die Hoffnung macht, Hoffnung geben kann. Gunnar hat dieses Jahr die Sprintdistanz bei der Challenge Heilbronn gefinisht. Und er hat sich weitergebildet, gibt sein Wissen als Trainer an andere weiter. Er blickt nach vorne, versucht das Beste aus seinem Schicksal zu machen: „Ich blicke nicht mit Hass zurück, wegen den Fehlern, die gemacht wurden. Ich sehe es positiv, dass ich aufrecht aus dem Krankenhaus nach Hause gehen konnte.“

Verletzungen oder Krankheiten haben dich erst recht angespornt, weiter aktiv zu sein? Du hast viel durchgemacht, aber der Triathlon hat dir immer Halt gegeben? Du hast eine spannende Geschichte, wie du zum Triathlon gekommen bist? Deine Geschichte sollten wir unbedingt kennen? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.


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