Jasmin traut sich trotz einer Fettverteilungsstörung

14.04.2020 10:05 von Thorsten Eisenhofer

Jasmin Jabeur leidet seit vielen Jahren an Lipödemen. Sport hilft ihr gegen diese Krankheit. Trotzdem verschlechtert sich ihr Zustand immer weiter. Jasmin beweist Mut, sich trotzdem anderen Menschen in Wettkämpfen zu stellen, obwohl sie dabei nicht immer die besten Erfahrungen macht.

An einem Tag vor ein paar Jahren Tag fährt Jasmin nach Hamburg zum Triathlon. Einige aus ihrer Laufgruppe starten bei diesem Wettkampf. Sie will die anderen anfeuern. Einen Start bei dem Triathlon traut sie sich nicht zu. Für sie sind Triathleten zu diesem Zeitpunkt Menschen mit gestählten Körpern. Dieses Bild hat Jasmin durch Triathlon-Übertragungen im Fernsehen.

Doch jener Tag in Hamburg verändert ihre Sicht der Dinge. Denn die wenigstens Athleten dort haben einen gestählten Körper. Und dann sieht sie auch noch, wie ein Athlet ohne Arme den Triathlon bestreitet, 1,5 Kilometer in der Alster schwimmt. „Ich habe gedacht: Ich habe Arme und Beine und bin hier nur als Zuschauerin?“

In den kommenden Tagen denkt Jasmin viel über das Gesehene nach. Dann beschließt sie: Auch sie will in Hamburg beim Triathlon starten.

Rückblende: Sport ist schon immer ein Bestandteil von Jasmins Leben. Sie tanzt. Eine Zeit lang rudert sie auch. Weil sie als Jugendliche schon ein paar Kilogramm mehr wiegt als andere, wird sie beim Sport allerdings gemobbt. Offen durch Kommentare. Und versteckt, beispielsweise durch schlechtere Noten als Mitschüler. Niemand unterstützt sie. Stattdessen bekommt sie immer nur gesagt: „Du kannst das nicht.“

Natürlich versucht Jasmin, abzunehmen. Sie macht Diäten. Doch die vielen Diätversuche führen nicht zu einer Besserung. Sondern zu einer Essstörung. Es ist ein Teufelskreislauf, aus dem sie keinen Ausweg findet, finden kann. Weil es keinen Ausweg gibt.

Erst nach vielen Jahren wird bei ihr ein Lipödem diagnostiziert. Ein Lipödem ist eine angeborene Fettverteilungsstörung, die dafür sorgt, dass sich Fettzellen in den Armen und Beinen schnell vermehren. Es dauerte lange, bis Jasmin ihre Krankheit akzeptieren kann. „Es ist mir bewusst geworden, dass mir alle Diäten dieser Welt nicht helfen werden“, sagt Jasmin. Zum einen ist sie über die Diagnose erleichtert. Zum anderen weiß sie: Es wird schlimmer werden. Viele Frauen mit dieser Krankheit müssen irgendwann sogar im Rollstuhl sitzen.

Schon vor jenem Tag in Hamburg, der ihr Leben nachhaltig verändern soll, beginnt Jasmin mit Sport. Zu Beginn drei mal 30 Minuten die Woche. Innerhalb eines halben Jahres nimmt sie, die damals rund 120 Kilogramm wiegt, 25 Kilogramm ab. Sie schafft es, dass sich die Krankheit drei Jahre nicht verschlimmert. „Ohne Sport würde es mir deutlich schlechter gehen“, sagt sie.

Natürlich ist mit Sport auch nicht alles toll. Sie leidet unter Krankheitsschüben, nimmt dann innerhalb kürzester Zeit drei bis vier Kilogramm zu. Sie leidet teilweise unter so großen Schmerzen in Armen und Beinen, dass sie nicht mehr auf der Seite schlafen oder gehen kann. Sie leidet unter Wassereinlagerungen in den Füßen, sodass sie nicht in ihre Schuhe kommt. An manchen Tagen sind die Schmerzen so groß, dass sie keinen Sport machen kann. Obwohl der Sport ihr dann fehlt. „Aber ich weiß, dass ich meinen Körper nicht überfordern darf“, sagt Jasmin. Es ist ein Kampf zwischen Schonung und Bewegung. Die Grenze verläuft jeden Tag wo anders.

Nach jenem Erlebnis in Hamburg fängt Jasmin an, sich auf ihren ersten Triathlon vorzubereiten. Erstmals nach zehn Jahren sitzt sie wieder auf einem Fahrrad. „20 Kilometer waren zu Beginn schon eine Herausforderung“, erzählt sie. Bei ihrem ersten Wettkampf – mittlerweile sind es rund 40 – schafft sie es gerade noch in der vorgegebenen Karenzzeit ins Ziel. Und auch heute ist sie oftmals die Letzte. Aber das ist ihr egal. Darum geht es ihr nicht. Es geht ihr darum, trotz der Krankheit Sport zu treiben. Es geht ihr darum, ihrem Körper etwas Gutes zu tun. Und es geht ihr darum, Dinge zu schaffen, auf die sie mit Stolz (zurück)blickt.

Und sie hat auch Mut bewiesen. Mut, sich trotz ihrer Krankheit und den sichtbaren körperlichen Folgen davon anderen in Wettkämpfen zu stellen – was nicht immer einfach ist. Bei ihrem ersten Triathlonrennen wird sie von einigen Teilnehmern vor dem Start mit dummen Kommentaren bedacht. „Ich habe kurzzeitig überlegt, ob ich weggehen und heulen soll“, sagt sie. Sie zieht den Wettkampf dann jedoch durch: „Ich bin eher der Typ, der das runterschluckt und denkt: Jetzt erst Recht.“ Im Ziel gratulieren ihr sogar einige Sportler zu ihrer Leistung. Sie ist ja auch ein Vorbild für andere Frauen mit Lipödem.

Verletzungen oder Krankheiten haben dich erst recht angespornt, weiter aktiv zu sein? Du hast viel durchgemacht, aber der Triathlon hat dir immer Halt gegeben? Du hast eine spannende Geschichte, wie du zum Triathlon gekommen bist? Deine Geschichte sollten wir unbedingt kennen? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.


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