Noelle Werner - die Spätstarterin

30.04.2020 14:00 von Thorsten Eisenhofer

An ihren ersten Triathlonwettkampf (zählt man zwei aus Spaß absolvierte Schüler-Triathlon-Wettbewerbe nicht mit) kann sich Noelle Werner noch gut erinnern: Frühjahr 2018, Neckarsulm. Sie kam als Erste aus dem Wasser. Auf dem Rad holte die Verfolgergruppe sie nicht nur schnell ein. Die bisherigen Verfolgerinnen ließen sie förmlich stehen. „Die sind einfach so an mir vorbeigefahren. Das war schon sehr erschütternd“, erinnert sich die heute 16-Jährige. Noelle ließ sich jedoch nur kurz erschüttern. Dann dachte sie sich: „Du machst den Sport noch nicht so lange. Zeig einfach, dass du laufen kannst.“ Und das machte Noelle dann auch. Sie holte einige Athletinnen wieder ein und lief so auf den achten Platz nach vorne.

Ein paar Wochen später, in ihrem zweiten richtigen Triathlon, belegte Noelle dann beim DTU-Jugendcup in Forst den zweiten Platz in der Altersklasse weibliche Jugend B.

Im Jugendbereich gibt es häufiger Überraschungen als bei der Elite. Aber dass eine Athletin, die gerade ihren zweiten Wettkampf überhaupt absolviert, in einem der wichtigsten nationalen Rennen ihrer Altersklasse den zweiten Platz belegt, ist dann wohl schon mehr als eine Überraschung. Für Noelle jedenfalls war es eine sehr besondere Situation: „Es war der erste Moment seit vielen Jahren, in dem ich im Sport wieder richtig glücklich war.“

Als Kind war Noelle sehr oft glücklich über ihre sportlichen Leistungen. Sie war eines der vielversprechenden nationalen Schwimmtalente ihres Jahrgangs 2003. In der deutschen Rangliste war sie immer unter den Top Ten, teilweise sogar unter den Top 5. Das änderte sich, als sie im Alter von zehn Jahren eine Entzündung der Bizepssehne erlitt. Eine Überlastungserscheinung. Sie musste ein Jahr pausieren. Danach war sie nicht mehr annährend so gut wie vor ihrer Verletzung.

Im Gegenteil: Für die achte Klasse erfüllte sie für die (Sport-)Schule, auf die sie ging, die sportlichen Leistungsvoraussetzungen nicht mehr. Sie hatte zwei Möglichkeiten: Die Schule verlassen. Oder sich neben dem Schwimmen einer weiteren Sportart zuzuwenden. Diese Sportart, die man ihr ans Herz legte, war Triathlon. Da Noelle die Schule nicht verlassen wollte, entschied sie sich dafür, in den Triathlon hineinzuschnuppern. Jedoch eher widerwillig, ohne wirkliche Lust.

Ihre sportliche Karriere hätte an diesem Punkt enden können. Doch da war ja noch das Engagement und der Enthusiasmus der damaligen saarländischen Landestrainerin Julia Seibt. Sie sorgte dafür, dass aus Noelles Abneigung zum Triathlon Liebe wurde: „Julia hat es geschafft, mich für den Sport zu begeistern, hat immer an mich geglaubt. Sie hat mehr in mir gesehen als ich.“

Der Sportarten-Umstieg war für Noelle ein Neuanfang. Ein Neuanfang, obwohl in ihrem Leben auch einiges gleich blieb: die Schule, das Leben als Leistungssportlerin, weiterhin regelmäßiges Schwimmtraining. Sie hat sich durch den Wechsel vom Schwimmen zum Triathlon nicht nur sportlich weiterentwickelt: Von einer Schwimmerin ohne große Perspektive zu einer Triathletin mit großer Perspektive. Sondern auch menschlich. „Ich bin selbstbewusster geworden“, sagt sie. Sie führt das auch auf das Wohlfühl-Gefühl in ihrer Saarbrücker Trainingsgruppe zurück: „Triathlon ist mittlerweile die Nummer eins in meinem Leben.“

2017 war sie noch Vierte der Freiwasser-DM über fünf Kilometer gewesen. 2018 belegte sie bei den Deutschen Meisterschaften der Jugend B im Triathlon den dritten Rang. Im vergangenen Jahr folgte dann unter anderem ein zweiter Rang bei den deutschen Meisterschaften in der Jugend A.

Noelle, die aus dem pfälzischen Zweibrücken stammt, ist immer noch, so beschreibt sie sich selbst, eine Triathletin im Lernprozess. Das mag auf alle Nachwuchsathlet*innen zu treffen. Aber besonders auf jemanden, der den Sport erst seit zwei Jahren ausübt. Redet man mit ihr über noch zu entwickelndes Potential, dann spricht sie über technische Defizite beim Radfahren. Dann spricht sie aber auch darüber, noch viel Erfahrung sammeln zu müssen. Und sie spricht darüber, dass ihr Körper sich noch an die beiden neuen Disziplinen gewöhnen muss. Vor allem ihr Knie bereitet immer mal wieder Probleme. „Es ist noch ein weiter Weg bis in die Weltspitze“, sagt Noelle. Doch Olympia 2028 ist ihr großes Ziel.


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