Renés Weg aus dem psychischen Tief mit Selbstmordversuchen

30.04.2020 15:45 von Thorsten Eisenhofer

René Marx ist zu jenem Zeitpunkt seit ein paar Monate in der Psychiatrie, als ein Pfleger ihm rät, joggen zu gehen. Laufen könne gegen seine Depressionen helfen. René ist skeptisch. Sport hat bis dahin in seinem Leben noch nie eine große Rolle gespielt. Er glaubt nicht, dass das Laufen ihm etwas bringt. Doch der Pfleger lässt nicht locker. Also schnappt sich René seine Turnschuhe - Laufschuhe hat er zu dem Zeitpunkt noch nicht - und läuft los in den angrenzenden Wald.

René kann nicht mehr sagen, wie lange er damals gelaufen ist. Was er allerdings sagen kann: Dass die Bewegung und die anschließenden Glücksgefühle etwas in ihm auslösen. „Es hat einen unumkehrbaren Prozess in mir in Gang gesetzt“, sagt er. Er ist nicht innerhalb von 30 Minuten ein anderer Mensch. Aber die Joggingrunde ist der Startschuss für einen langen, sehr langen Genesungsprozess aus einer Krankheit, die ihn fast das Leben gekostet hätte.

Von nun an nutzt er jede Möglichkeit, die sich ihm in der Psychiatrie bietet, um Sport zu treiben. Anfangs geht er jeden zweiten Tag joggen. Dann folgen Einheiten im Schwimmbad und auf dem Radergometer. Und schließlich verbindet er Schwimmen und Laufen. Oder Ergometertraining und Laufen. Er will die freie Zeit, die er hat, bestmöglich für den Sport zu nutzen. „Irgendwann habe ich mir dann gedacht: Warum machst du dann Triathlon nicht als Sport?“, erzählt René. Jenen Sport also, der ihn immer schon beeindruckt hat. Über den er aber auch dachte, man muss ein bisschen verrückt sein, wenn man ihn ausübt.

Noch ein paar Monate zuvor deutet nichts darauf hin, dass René Glücksgefühle verspüren, Spaß an etwas haben, auf ein Ziel hinarbeiten könnte. Sieben Monate zuvor hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Zum dritten Mal. Diesmal beinahe mit Erfolg. „Man denkt in dieser Situation einfach: Ich gehöre hier nicht mehr hin“, sagt René, der seit seiner Jugend an einer Depression leidet. Nur gemerkt hat es bis zu diesem Zeitpunkt niemand - fast 20 Jahre lang.

René leidet unter ständiger Antriebslosigkeit und gedrückter Stimmung, Freude am Leben fehlt vollends. „Es ist, als würde ständig jemand von oben auf einen herabdrücken“, sagt René. Auf der Arbeit funktioniert man einfach nur noch. Patienten mit Depression sind Meister im Kaschieren. Bis zu dem Zeitpunkt, wenn alles zusammenbricht. „Am Ende ist einem alles egal - sogar ob man lebt oder nicht.“ Er hätte, so sagt er, sofort einen erneuten Selbstmordversuch unternommen, wäre er nicht nach Intensivstation und künstlicher Beatmung direkt in die Psychiatrie eingewiesen worden.

Aber auch dank des Sports („Sport ist eine wesentliche Stütze“) arbeitet er sich Stück für Stück aus seinem persönlichen Tief heraus. Er beginnt quasi ein neues Leben. Und das obwohl seine Frau noch in der Psychiatrie sich von ihm trennt, die Scheidung einreicht und Freunde sich von ihm abwenden.

Schon im Juni 2014, knapp elf Monate nach dem Selbstmordversuch, startet er erstmals bei einem Triathlon. In Bonn. „Ich habe jeden Anfängerfehler gemacht, den man so machen kann“, erzählt René. Er stellt sich mit in die erste Reihe, weil dort eine Profiathletin (die an dem Tag den Wettkampf auch gewinnt) steht, die er kennt – entsprechend hart ist das Schwimmen. Er findet in der Wechselzone sein Fahrrad erst einmal nicht, weil er sich die Laufwege in der Wechselzone nicht angeschaut und eingeprägt hat. Und er versucht auf der Radstrecke auf seinem alten Rennrad an Athleten mit Zeitfahrrädern dranzubleiben: „Ich habe mir damit meine Beine zu Matsch getreten.“ Aber er kommt im Ziel an und findet Gefallen am Triathlon, startet seitdem bei Dutzenden Wettkämpfen über alle Distanzen, entdeckt eine Leidenschaft. 2021 will er versuchen, sich für die Ironman-WM auf Hawaii zu qualifizieren.

Wenn man sich mit René Marx unterhält, spricht man mit einem Mann Ende 30, der sagt: „Ich bin mit meinem Lebensweg zufrieden, auch wenn manche Dinge schwer waren.“ Es ist ein Satz, der erst einmal irritieren mag. Es ist immerhin ein Satz aus dem Mund eines Mannes, der an Depressionen litt und drei Selbstmordversuche unternommen hat. Aber es ist eben auch ein Satz eines Mannes, der sagt, er lebt weiterhin mit der Krankheit, aber er leidet nicht mehr darunter. Er muss weiterhin Tabletten nehmen und macht Therapien. „Depression muss man als Krankheit verstehen und nicht als Schwäche“, sagt er.

René sagt, er habe viel Positives aus den vergangenen Jahren mitgenommen. Er habe sich als Mensch entwickelt. Daher will er nun auch anderen Menschen mit Depressionen helfen. Er möchte Menschen aufzeigen, dass es einen Weg zurück in ein weitgehend normales Leben gibt und auch ein Bewusstsein in unserer Gesellschaft für diese Krankheit schaffen. „Ich möchte auch weiterhin eine Inspiration für Menschen sein, denen es schlecht geht.“ Es gibt immer einen Weg - einer davon ist der Sport. „Ohne den Triathlon hätte ich meinen Weg in ein normales und erfülltes Leben nicht geschafft“ sagt er klipp und klar.

Verletzungen oder Krankheiten haben dich erst recht angespornt, weiter aktiv zu sein? Du hast viel durchgemacht, aber der Triathlon hat dir immer Halt gegeben? Du hast eine spannende Geschichte, wie du zum Triathlon gekommen bist? Deine Geschichte sollten wir unbedingt kennen? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.


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