Von 170 Kilogramm und Bluthochdruck zum Triathleten

09.04.2020 08:07 von Thorsten Eisenhofer

Als Martin Mollet bei seinem ersten Triathlon das Ziel erreicht, übermannen ihn die Emotionen. Er ist so glücklich, so stolz, so überwältigt. Fünf Minuten liegt er seiner Tochter in den Armen und lässt einfach nur seinen Tränen freien Lauf. „Es war ein emotionales Feuerwerk“, sagt Martin und fügt an: „Es ist mit nichts zu vergleichen, was ich jemals erlebt habe.“ Und es ist auch das vorläufige Ende eines harten, steinigen Weges.

Im Grunde genommen beginnt dieser harte, steinige Weg schon als Kind. „Ich war immer der Dicke“, sagt Martin. Als Kind, als er mit zehn Jahren seine erste Kur macht und von anderen Kindern in der Schule gehänselt wird. Als junger Erwachsener, als er längst eine Ist-mir-doch-egal-Haltung zu seinem (Über-)Gewicht entwickelt hat. Und als Erwachsener Anfang 40, als sein Gewicht auf 170 Kilogramm ansteigt, nachdem er mit dem Rauchen aufgehört hat.

Natürlich hat er immer mal wieder versucht, abzunehmen. Mehrfach meldet er sich im Fitnessstudio an. Doch mehr als zwei, drei Wochen geht er nie hin. 2015 probiert er es mit Tischtennis. Er hält zwar länger als drei Wochen durch. Aber eben auch nicht langfristig.

Martin weiß, dass er übergewichtig ist. Aber er hat gelernt, sich damit zu arrangieren. Der Mensch ist eben auch ein Meister im Verdrängen. „So lange es gut geht, macht man sich wenig Gedanken“, sagt Martin. Das macht das Leben einfacher. Aus dieser Ist-doch-alles-okay-Blase schreckt er eigentlich nur einmal im Jahr auf, wenn ein Routinecheck beim Arzt ansteht. Ab Martins 40. Lebensjahr weist der Arzt jeweils auf den steigenden Blutdruck und die daraus resultierenden Gefahren hin. Martin will jedoch keine Medikamente gegen den Bluthochdruck nehmen. Seine Mutter hat mit Medikamenten schlechte Erfahrungen gemacht.

Eins, zwei Mal kann er den Arzt überzeugen, mit der Verschreibung noch zu warten. Dann weiß er: Jetzt muss er Medikamenten nehmen. Oder etwas gegen den Bluthochdruck tun. Martin fängt an, etwas zu tun. Zusammen mit seiner Frau geht er walken. Fast jeden Tag. „Es war“, sagt Martin, „eine absolute Willensentscheidung. Ich war bereit, auf Dinge zu verzichten.“ Es fällt ihm natürlich nicht leicht. Da ist das Gewicht von knapp 170 Kilogramm. Und da sind Tage, „an denen es regnet, drei Grad hat und man nicht unbedingt Lust hat, walken zu gehen“. Aber Martin und seine Frau gehen an solchen Tagen trotzdem walken. Einer motiviert immer den anderen. „Zu zweit ist es deutlich einfacher“, sagt Martin.

Die Erfolge sieht er auf der Waage. Relativ schnell. Und auch langfristig. Heute, das darf an dieser Stelle schon mal verraten werden, wiegt Martin 99 Kilogramm. Tendenz weiter sinkend. Aber Martin merkt in dieser Zeit auch, dass er klarere sportliche Ziele als jeden Tag eine Walkingrunde braucht. Er möchte das Deutsche Sportabzeichen ablegen, beginnt mit Radfahren. Und dann kommt jener Tag, der in der Reihe der vielen besonderen Tage in Martins Leben in den vergangenen Monaten ein ganz besonderer ist: Auf einer Feier trifft er einen Bekannten. Der Bekannte sagt: „Du walkst, du fährst Rad, du kannst schwimmen. Warum machst du nicht mal einen Triathlon?“ Die Frage ist für Martin total abwegig. Martin wiegt zu diesem Zeitpunkt immerhin noch 125 Kilogramm.

Doch jenes Gespräch setzt einen Denkprozess in Gang. Aus der Aussage, „Das kriegst du eh nicht hin“, wird die Frage „Kriegst du das vielleicht hin?“ und daraus schließlich die Aussage „Vielleicht kriegst du das ja wirklich hin“. Martin entschließt sich, einen Testwettkampf zu machen. Ganz für sich alleine. Er fährt mit dem Rad zehn Kilometer zum Schwimmbad, schwimmt dort, radelt wieder zurück und walkt noch fünf Kilometer. „Es hat gut funktioniert“, sagt Martin und fügt an: „Da wusste ich, dass ich mich für einen Triathlon anmelden kann.“

Doch dann, vier Wochen vor dem Wettkampf, stürzt er mit dem Rad. Die Folge: Unter anderem ein Kreuzbandriss. Es gibt sicherlich Menschen, die in solchen Momenten aufgeben. Doch Martin macht weiter: mit dem Triathlon und mit dem Abnehmen. Und ein paar Monate später kommt dann jenes Rennen, das so viele Emotionen in Martin auslöst.

Die Geschichte könnte nun mehr oder weniger zu Ende sein und sich mit einem Satz abschließen lassen, in dem es darum geht, dass Martin weiterhin ab- und an Rennen teilnimmt. Doch da war da ja noch jener verhängnisvolle Tag im Herbst des vergangenen Jahres. Die Fröhlichkeit in Martins Stimme, mit der er vorher zum Beispiel über seinen Probe-Triathlon oder seinen ersten Zieleinlauf gesprochen hat, ist plötzlich weg. Martin klingt nun nachdenklich, spricht mit Bedacht. „Es ist ein extrem schwieriges Thema“, sagt er. Dieses schwierige Thema ist ein Unfall, der tödlich hätte Ende können. Ein Autofahrer übersieht Martin beim Abbiegen. Martin wird über Lenker und Vorderrad auf den Asphalt geschleudert. Im Endeffekt kommt er recht glimpflich davon. Ein Arzt teilt ihm noch an der Unfallstelle, wie viel Glück er hatte, noch am Leben zu sein.

Auch diesen Rückschlag hat Martin weggesteckt. Er macht einfach immer weiter auf seinem Weg, der harte und steinige Passagen bereit hält.

Ähnliche Geschichten wie Martin können auch Frank, bei dem anfangs der Bauch auf dem Oberrohr de Fahrrads schleifte, und Sören, dessen Leben beinahe zu Ende war, bevor er Triathlet wurde, erzählen.

Verletzungen oder Krankheiten haben dich erst recht angespornt, weiter aktiv zu sein? Du hast viel durchgemacht, aber der Triathlon hat dir immer Halt gegeben? Du hast eine spannende Geschichte, wie du zum Triathlon gekommen bist? Deine Geschichte sollten wir unbedingt kennen? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.


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