"Ich war nur bei meinem Sieg bei den Paralympics aufgeregter"

14.08.2020 10:42 von Thorsten Eisenhofer

Für den Para-Triathlet Martin Schulz hätte nun eigentlich die Mission Titelverteidigung bei den Paralympischen Spielen angestanden. Die wurden jedoch coronabedingt abgesagt. Wir haben mit dem Paralympics-Sieger von 2016 über Momente des Grübelns und Momente der Entschleunigung gesprochen und er hat uns verraten, warum seine Freundin derzeit so begeistert ist und warum er bei seinem bisher einzigen Rennen 2020 so aufgeregt war wie selten zuvor.

Martin, wie nimmst du das Sportjahr 2020 wahr?

Am Ende mache ich den Sport wegen den Wettkämpfen. Und die fehlen irgendwie. Ich habe Spaß am Training, bin gerne draußen in der Natur für einen Dauerlauf. Wenn es hart und schwer wird, braucht man aber die Motivation durch die anstehenden Wettkämpfe. Wenn die nicht stattfinden, hinterfragt man sich, grübelt, ob die vierte Einheit an diesem Tag noch nötig ist. Man braucht als Athlet ein großes Ziel, einen großen Wettkampf, um im Training alles aus sich herauszuholen. Bei mir sind das die Paralympics.

Fällt dann eigentlich die Trainingsmotivation im Winter geringer aus?

Man weiß, dass im kommenden Frühjahr wieder Wettkämpfe anstehen. Außerdem hat man im vergangenen Sommer gesehen, zu was man fähig ist, wenn man gut trainiert hat. Ich sehe den Winter als reine Trainingsphase - und mag das. Im Training fahre ich dann schon auch mal Mountainbike oder mache Skilanglauf. Das macht auch Spaß.

Spaß hat dir auch dein erster Wettkampf dieses Jahr gemacht, der Leipzig Triathlon Ende Juli.

Das war sehr schön. Es ist toll, dass es geklappt hat, bei dem Rennen in meiner Heimatstadt dabei zu sein. Eigentlich wäre ich ja zu diesem Zeitpunkt bereits in der Vorbereitung auf Tokio gewesen. Ich fand es toll, dass sich das Organisationsteam getraut hat, den Triathlon durchzuführen. Es waren nicht viele Zuschauer an der Strecke, aber ein paar bekannte Gesichter waren es schon. Ich habe öfter meinen Namen gehört als bei einem internationalen Rennen (lacht).

Wie hast du den Wettkampf wahrgenommen?

Ich war sehr aufgeregt. Zum einen hatte ich hohe Ansprüche an mich selbst, zum anderen ist das Rennen medial sehr ausführlich begleitet worden. Da war schon die eine oder andere Kamera auf mich gerichtet. Dadurch ist ein großes Wettkampffeeling in mir hochgekommen. Und ich stand an der Startlinie und war so nervös, als wenn es mein erster internationaler Wettkampf gewesen wäre (lacht).

Du warst hoffentlich nicht so nervös wie bei deinem Start bei den Paralympics in Rio de Janeiro 2016.

Die Nervosität von Rio ist nicht mehr zu toppen. Aber ich war in Leipzig mindestens so aufgeregt wie vor einem WPS-Rennen.

Eigentlich wärst du gerade in der unmittelbaren Vorbereitung auf die Paralympics 2020 in Tokio. Die sind nun coronabedingt verschoben. Wie gehst du damit um?

Die Verschiebung wurde ja sehr frühzeitig mitgeteilt. Mich hat eher betrübt, dass im Zuge dessen alle internationalen Wettkämpfe 2020 abgesagt wurden. Jetzt macht man sich natürlich seine Gedanken, ob die Paralympics überhaupt stattfinden können. Ich bin jedoch zuversichtlich, denn Paralympische Spiele sind das Größte, was ich als Sportler erreichen kann. Ich hoffe, dass ich mich nächstes Jahr um diese Zeit in der unmittelbaren Vorbereitung auf Tokio befinde.

Wie gehst du mit der Verschiebung um?

Ich bin gut drauf und fühle mich fit. Die Frage ist natürlich, wird das auch im kommenden Jahr so sein. Es kann sein, dass ich kommendes Jahr verletzt bin. Es kann aber auch sein, dass ich noch einmal einen Leistungssprung mache. Leistungssport ist nicht zu 100 Prozent planbar.

Wie hast du dieses Jahr nutzen können?

Am Anfang war es deprimierend, weil viele Wettkämpfe weggefallen sind. Aber meine Motivation ist schnell zurückgekommen. Ich habe die Zeit mit konstantem Training ohne Unterbrechung durch Wettkämpfe genutzt, um an meinem Schwächen zu arbeiten.

Fühlst du dich also so fit wie noch nie?

Ich habe hier in Leipzig gute Rahmenbedingungen und habe gemerkt, wie gut es mir tut, lange und konstant durchzutrainieren. Und kontinuierliches Training ist nun einmal der Schlüssel zum Erfolg. Aber Wettkämpfe sind für die Weiterentwicklung auch wichtig. Im Wettkampf geht man an seine Grenze - oder sogar über seine Grenze hinaus.

2020 wird auf jeden Fall als spezielles Jahr in Erinnerung bleiben. Was wirst du mitnehmen aus dieser Zeit?

Es war eine entschleunigende Zeit. Ich bin gesund, alle Leute um mich herum sind gesund. Ich war froh, mal so viel zu Hause zu sein. Und ich glaube, meine Freundin war es auch (lacht). Wir hatten hier super Wetter, ich konnte sehr gut trainieren und hatte auch Zeit, andere Dinge mitzunehmen. Aber trotzdem hoffe ich, dass ich bald wieder mehr Wettkämpfe absolvieren kann.


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