Selina Klamt: Leisetreterin mit großen Zielen

04.08.2020 11:38 von Thorsten Eisenhofer

Der bis dahin schlimmste Tag im Sportlerleben von Selina Klamt ist rückblickend vielleicht auch ihr schönster. Das mag im ersten Moment paradox klingen. Beschäftigt man sich jedoch damit, wie Selina Klamt zum Triathlon kam, dann klingt es eben nicht mehr paradox.

Als Nachwuchsschwimmerin nahm Selina regelmäßig an Deutschen Meisterschaften teil, wechselte auf die Sportschule. Doch dann, Ende der achten Klasse, bekam sie zu hören, was kein junger Athlet gerne hört, der die Jahre zuvor viel, viel Zeit in den Sport gesteckt hat: Sie habe sich bis hierhin gut entwickelt. Man gehe jedoch davon aus, dass sie sich von nun an nicht mehr großartig weiterentwickle. Eine Feststellung, die gleichbedeutend mit dem Ende der Förderung auf der Sportschule ist. Diese schlechte Nachricht wurde ihr immerhin damit versüßt, dass die Trainer ihr Talent im Triathlon bescheinigten und ihr nahelegten, es im Ausdauerdreikampf zu versuchen.

Selinas Leben war bis dahin das Schwimmen gewesen. Früh fing sie im Verein an, schwamm ab dem neunten Lebensjahr leistungsorientiert, wechselte dann eben auf die Sportschule. „Ein Leben ohne Wasser kann ich mir seitdem nicht mehr vorstellen“, sagt Selina. Dabei war sie als Kleinkind wasserscheu. Beim Babyschwimmen schrie sie regelmäßig, wollte nicht ins Wasser. Doch ihre Eltern zeigten kein Pardon. „Im Nachhinein“, sagt Selina, „bin ich ihnen dankbar, dass sie mich da durchgezwungen haben.“ Ansonsten wäre Selina Klamt heutzutage vermutlich nicht eine der hoffnungsvollsten deutschen Nachwuchstalente im Triathlon.

Das erste reine Triathlon-Jahr war für sie ein Jahr zum Reinzuschnuppern, zum Ausprobieren. Sie startete vor allem bei vielen kleinen Wettkämpfen, um Erfahrung zu sammeln. Aber nicht nur. Gleich in ihrem ersten Jugendcup-Rennen erreichte sie mit Rang neun eine Top-Ten-Platzierung. „Das hat mich gepusht. Da wusste ich, dass im Triathlon etwas geht“, sagt Selina. Es folgten Jahre mit Aufs und Abs, guten und weniger guten Wettkampfresultaten – was bei einer Nachwuchsathletin nicht ungewöhnlich ist. Noch dazu, wenn sie erst spät mit der Sportart begonnen hat. Zudem hatte Selina aufgrund der ungewohnten Belastung beim Laufen immer wieder Probleme mit der Knochenhaut, musste im Lauftraining zurückstecken.

Ungeachtet dessen, ging Selinas Entwicklung steil nach oben. In ihrem zweiten Triathlonjahr erreichte sie ihre erste Podiumsplatzierung bei einem Deutschland-Cup-Rennen. 2018 qualifizierte sie sich dann für die Junioren-WM an der Goldcoast (Australien). „Da war ich total überwältigt, konnte es überhaupt nicht fassen“, sagt sie heute als 19-Jährige. Im Schwimmen hatte es nie gereicht, sich für internationale Meisterschaften zu qualifizieren. „Natürlich habe ich von Teilnahmen an einer Nachwuchs-EM oder –WM geträumt. Es war aber eher ein unrealistischer Traum. Es war nie so greifbar.“

Ganz anders im Triathlon. Auch wenn aus ihrem ersten Start bei einer Junioren-WM 2018 kurzfristig doch nichts wurde. Krankheitsbedingt musste Selina darauf verzichten, sich mit den besten Athletinnen ihrer Altersklasse zu messen. Und das Rennen vor Ort als Zuschauerin verfolgen. „Ich finde das immer noch sehr schade, denke oft daran zurück“, sagt sie. Sie hat daraus aber auch Kraft und Motivation gezogen, wollte beweisen, dass es kein Glück war, sondern Können. 2019 sicherte sie sich dann mit Rang zwei bei den Deutschen Meisterschaften der Juniorinnen erneut das WM-Ticket – und belegte in Lausanne Rang 31.

Die stetige Entwicklung der vergangenen Jahre möchte sie nun fortsetzen. Ohne sich dabei durch das Herausposaunen von großen Zielen selbst unter Druck zu setzen. Aber mit viel Ehrgeiz. Mit viel Motivation. Und mit Spaß am Sport, den sie noch gar nicht so lange macht.

Bevor Selina vom Schwimmen zum Triathlon wechselte, hatte sie übrigens bereits einen Triathlon absolviert – jedoch mit zwiegespaltenen Erinnerungen. Zwar hatte ihr der Ausdauerdreikampf Spaß gemacht. Aber richtig Spaß macht etwas ja eigentlich nur, wenn es auch gut läuft. Und Selinas erster Triathlon lief nicht so wirklich gut. Sie kam zwar als Erste aus dem Wasser, doch beim Radfahren sprang ihr die Kette runter. Nur dank der Unterstützung eines Zuschauers konnte sie weiterfahren. Das Ziel erreichte sie irgendwo im hinteren Mittelfeld. „Ich war nicht die Letzte“, sagt Selina und lacht. Mittlerweile ist sie in ganz anderen Dimensionen unterwegs. Auch das ist alles andere als paradox.


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