"Sport muss alles sein, darf aber nicht alles sein"

14.02.2020 10:59 von Thorsten Eisenhofer

Gabriel Allgayer (München) möchte nach einem verletzungsbedingt verkorksten Jahr in dieser Saison an die Erfolge von 2018 anknüpfen. Wir haben mit dem 21-Jährigen über eine Verletzung und einen Ärztemarathon, das Lernen aus eigenen Fehlern und schwarze Löcher gesprochen.

Gabriel, im März 2019 bist du am letzten Tag des Trainingslagers auf Mallorca gestürzt. Der Sturz hatte langfristige Auswirkungen.

Ja, in der Woche nach dem Sturz standen die ersten Wettkämpfe der Saison an. Ich wollte an die gute Saison 2018 anknüpfen, war gut drauf. Ich konnte es vom Kopf her einfach nicht lassen, die Wettkämpfe abzusagen und zu warten, bis alles wieder okay ist. Ich habe die Wettkämpfe absolviert und die Arzttermine rausgezögert. Ich bin dann eineinhalb Wochen zu spät zum Arzt gegangen. Hinzu kam, dass erst der vierte Arzt wirklich festgestellt hat, was das Problem ist: eine Blockade der Hüfte. Durch diese Fehlstellungen haben sich muskuläre Dysbalancen ergeben. Ich habe im vergangenen Frühjahr weitertrainiert, was es natürlich auch nicht besser gemacht hat. Teilweise hatte ich dann Schmerzen, wenn ich mit dem Rad durch die Stadt gefahren oder spazieren gegangen bin. Nun geht es langsam bergauf.

Was hast du daraus gelernt?

Ich habe gelernt, besser auf meinen Körper zu hören. Wenn ich mir das noch mal durch den Kopf gehen lasse, merke ich, dass der Körper mir signalisiert hat, dass es Probleme gibt, dass ich eine Pause machen soll. Ich habe aber nicht gehört. Das Wichtigste im Sport ist nun mal der Körper. Wenn man bei Problemen immer weiter drauftrainiert, geht das irgendwann nicht mehr gut. Sport muss alles sein, darf aber nicht alles sein. Heißt: Ich muss im Training alles geben. Aber ich muss mir auch bewusst sein, dass es auch sehr schnell vorbei sein kann mit dem Sport.

2018 bist du Dritter bei den Deutschen Meisterschaften der Elite geworden, zudem hast du Rang sieben bei der U23-WM belegt und bist dort mit der deutschen Mannschaft Vize-Weltmeister im Mixed Relay geworden. Wie hart ist es dann, wenn im Jahr darauf wenig geht?

Brutal schwierig. Es ist als fällt man von 100 auf 0 innerhalb einer Trainingseinheit wegen eines selbstverschuldeten Sturzes. Ich wollte in der vergangenen Saison da weitermachen, wo ich 2018 aufgehört habe – und die Trainingsergebnisse stimmten ja auch. Ich wollte schauen, wo international bei der Elite der Hammer hängt. Und dann steht man plötzlich da und kann nichts mehr machen und andere ziehen an einem vorbei. Das ist frustrierend und enttäuschend.

Wie geht man mit solch einer Situation um?

Man kann nicht verhindern, dass es Tage gibt, an denen man sich schlecht fühlt. Zum Beispiel wenn eine Therapiewelle nicht angeschlagen oder eine Diagnose wieder nicht gestimmt hat. Dann fällt man in ein dunkles Loch und es ist dann schwer, sich aufzurappeln. Auch für die wenigen Dinge, die man trainingsmäßig noch machen kann. Ich war ja bis zum 30. Januar noch mit Prüfungen beschäftigt (Allgayer hat alle Klausuren für das erste Staatsexamen geschrieben und macht nun eine Pause, um sich voll auf den Sport zu konzentrieren, Anm. d. Red.). Und ein Medizinstudium ist ja sehr zeitfüllend. Das hat mir in dieser Zeit geholfen.

Ein paar Rennen hast du 2019 absolviert, unter anderem die Weltcups in Madrid und Caligari, die ersten beiden deiner Karriere.

Das war schon cool. Die European Championships 2018 in Glasgow waren schon ein Erlebnis. Aber die Weltcups waren noch einmal cooler. Mit Alistair Brownlee (zweimaliger Olympiasieger, Anm. d. Red.) in einem Rennen zu starten, war schon ein tolles Gefühl. Und mein Ergebnis war jetzt auch nicht so, dass ich denke, dass ich da nicht irgendwann mal vorne mithalten kann.

Weltcup-Einsätze sind auch für 2020 wieder dein Ziel.

Der erste Schritt ist, wieder voll trainieren zu können. Es wird noch ein bisschen dauern, bis ich in die Saison einsteige, vielleicht erst im Juni. Dann will ich mich über die Europa- für Weltcups qualifizieren und im Herbst noch einige Weltcuprennen absolvieren. Ein paar Top-Ten-Plätze im Weltcup sind mein Ziel. Ich habe nach der langen Pause wirklich Bock. Ich will Ende des Jahres zumindest wieder da sein, wo ich Ende 2018 war.

Du hast dich in den vergangenen Jahren nicht nur zu einem hoffnungsvollen Triathlon-Nachwuchsathleten entwickelt, sondern auch Medizin studiert. Wie hast du die Doppelbelastung hinbekommen?

Mit viel Disziplin. Als ich mit der Schule fertig war, habe ich mir in der Off-Season die Zeit genommen, zu überlegen, was ich machen will, was meine Ziele im Leben sind. Ich habe mir gesagt, dass ich sportlich sehr erfolgreich werden will, dass ich aber auch ein Leben neben dem Sport haben will. Ich habe mir überlegt, was mich wirklich interessiert. Die Antwort war: Medizin studieren. Ich wusste, es wird nicht leicht, beides hinzubekommen. Aber ich wollte es, war motiviert, wusste, warum ich es mache. Daher habe ich es auch geschafft. Es gab natürlich trotzdem Phasen, in denen eines von beiden zurückstecken musste. Während einer Klausurenphase stand dann im Training eine Entlastungswoche an. Ich habe da mit Roland Knoll einen sehr verständnisvollen Trainer.

Wie hoch war denn in manchen Phasen die Belastung?

Ich erzähle das am besten anhand eines Beispieltages: Aufstehen um 5.30 Uhr. Vor dem Schwimmtraining von sieben bis neun Uhr noch eine Athletikeinheit. Danach zu Hause lernen oder an die Uni. Am Nachmittag die zweite Einheit. Anschließend Nachbereitung von der Uni, die dritte Einheit und Abendessen. Danach noch ein bisschen Zeit zum Relaxen und um 21 Uhr schlafen.


Zurück