Triathlon anstatt Leben in der Psychiatrie

17.02.2020 12:03 von Thorsten Eisenhofer

2013 bestellt Stephanie Schüler ein Triathlonbuch. Es verschwindet im Keller, ohne dass sie auch nur einmal reingeschaut hat. Drei Jahre später entdeckt sie das Buch durch Zufall beim Aufräumen wieder und denkt sich: „So viele Leute machen Triathlon. Das kann ich auch.“ Ihr Mann ermutigt sie, dem Autor jenes Buches, Michael Krell, eine E-Mail zu schreiben. Dieser sagt zu, ihr die Trainingspläne zu schreiben. Der Anfang ist nicht einfach: Für zwei Kilometer joggen benötigte sie anfangs 20 Minuten, 25 Meter kann sie nicht am Stück schwimmen. „Ich habe bei null angefangen“, sagt Stephanie: „Aber ich wollte es probieren.“ Und sie schafft es. Rund ein Jahr später, im September 2017, absolviert sie ihren ersten von mittlerweile 16 Triathlons.

Ein paar Jahre zuvor war das unvorstellbar. Da kämpfte sie nicht darum, die Ziellinie bei einem Wettkampf zu erreichen. Da kämpfte sie darum, nicht für den Rest ihres Lebens in die Psychiatrie eingewiesen zu werden.

Das ist Stephanies Geschichte in wenigen Sätzen zusammengefasst. Die lange Version geht so: Sommer 2012: Stephanie hat ständig Kopfschmerzen, ist physisch und psychisch labil, lustlos und muss oft heulen.

Herbst 2012: Die Kopfschmerzen werden immer extremer.

Winter 2012: Stephanie ist ständig schlecht. Die Kopfschmerzen plagen sie weiterhin. Sie wird von ihrem Hausarzt krankgeschrieben, bekommt Cortison und Schmerzmittel gespritzt.

Weihnachten 2012: Stephanie schmückt den Weihnachtsbaum. Und schmückt ihn wieder ab. Dieses Prozedere wiederholt sich. Sie fühlt sich einsam, obwohl sie von vielen Menschen umgeben ist. Sie hat Wutausbrüche. Mit der bloßen Hand schlägt sie die Platte des Küchentischs durch. Wenn sie sich im Spiegel anschaut, erkennt sie ihre eigene Person nicht mehr. Sie leidet zudem unter einer Prosopagnosie, ein Zustand, der es ihr nicht mehr ermöglicht, sich selbst und andere Menschen zu erkennen.

Ende Dezember 2012: Stephanie wird in eine neurologische Klinik eingeliefert.

 „Ich habe immer gesagt bekommen: Das ist alles psychisch“

Allen Leuten in Stephanies Umfeld - auch allen behandelten Ärzten - ist klar, dass mit Stephanie etwas nicht in Ordnung ist. Doch niemand kann sagen, was nicht in Ordnung ist. Stattdessen wird ihr unterstellt, dass sie sich das einbilde, sich übernehme mit Beruf und berufsbegleitendem Studium, depressiv sei, und deshalb in eine Psychiatrie gehöre.

Das alles hilft Stephanie nicht weiter. Sie leidet. Alltägliche Dinge klappen nicht mehr: Duschen, Klamotten wechseln, Gesichter erkennen. Sie kann ein Messer nicht mehr von einer Gabel unterscheiden. Alles, was sie wieder lernt, vergisst sie, sobald sie eingeschlafen ist. Am nächsten Tag muss sie es erneut lernen. Auch an die Bestellung des Triathlonbuches während des Reha-Aufenthaltes kann sie sich nicht mehr erinnern.

Im Krankenhaus und in der anschließenden Reha fühlt sie sich alleine gelassen. „Ich habe immer gesagt bekommen: Das ist alles psychisch.“ Doch das glaubt sie nicht.

Die Mutter einer Mitpatientin in der Reha erzählt Stephanie, dass es sich bei ihrer Erkrankung um eine autoimmune Hirnentzündung handeln könnte. Bei einer autoimmunen Hirnentzündung zerstören Antikörper durch eine Fehlreaktion des eigenen Immunsystems Nervenzellen im Gehirn, weil sie diese mit Tumorzellen verwechseln. Bei Stephanie wird auch ein Antikörper festgestellt. Die damals behandelnden Ärzte reagieren nicht darauf, da keiner den Antikörper mit einer Hirnentzündung in Verbindung bringt. Dazu muss man wissen, dass die „autoimmune Hinrnentzündung“ erstmalig 2007 in den USA publiziert wurde.

In einem, wie Stephanie sagt, „hellem Moment“ informiert sie sich im Internet über diese Krankheit und mögliche Behandlungsmethoden. Sie stößt unter anderem auf einen Arzt in Berlin. Wenige Tage später reist sie in die Hauptstadt. Schnell ist die Diagnose klar: autoimmune Hirnentzündung mit Antikörper mGlur5. Sie bekommt innerhalb von rund zwei Wochen mehrfach das Blutplasma ausgetauscht. Der Antikörper, der die Probleme verursacht, ist verschwunden.

Stephanie kann wieder weitgehend ein normales Leben führen, einem Beruf nachgehen. Ein wichtiger Bestandteil dieses neuen Lebens wird Triathlon. „Triathlon ist für mich die beste Medizin“, sagt sie: „Wenn der Sport nicht wäre, wäre ich nicht so weit, wie ich jetzt bin.“ Stephanie sagt, es gibt weltweit rund 200.000 Menschen, bei denen eine ähnliche Erkrankung diagnostiziert wurde. Aber keinem dieser anderen 200.000 Menschen gehe es körperlich und seelisch so gut wie ihr. „Viele sind schwerstbehindert, viele bekommen ihren Tagesablauf nicht auf die Reihe oder landen in der Psychiatrie, aufgrund mangelnder Kenntnis über die doch noch seltene Erkrankung.“

Das Triathlontraining hilft ihr, ihren Tagesablauf zu strukturieren. „Ohne Struktur wäre ich aufgeschmissen. Ich würde nur dasitzen und auf Input von außen warten.“ Und Sport hilft ihr, ausgeglichen zu sein. „Mache ich keinen Sport, werde ich unruhig“, sagt Stephanie und fügt an: „Das erweckt die Dämonin in mir.“ Sie hätte vermutlich wieder Wutausbrüche. So wie an Weihnachten 2012. Nun aber hat sie das Training. Fünf bis sechs Mal die Woche trainiert sie. 2019 hat sie neun Triathlons absolviert, hat sich von der Sprintdistanz auf die Olympische Distanz vorgearbeitet.

Stephanie sagt, sie ist mit ihrem Leben zufrieden. „Es könnte immer noch schlimmer sein, was will ich mehr. Ich kann wieder laufen, einigermaßen gut denken, bringe die alltäglichen Dinge wieder auf die Reihe.“ Dabei ist nicht alles gut. Seit zweieinhalb Jahren bricht die Krankheit immer wieder aus. Sie muss dann jeweils für mehrere Wochen am Stück zum Austausch von Blutplasma nach Berlin. Trotzdem will sie dieses Jahr ihre erste Mitteldistanz absolvieren. Ihr großer Triathlon-Traum ist ein Start über die Langdistanz. „Eine Teilnahme in Roth ist mein großer Wunsch“, sagt die Oberpfälzerin. In den kommenden fünf Jahren will sie das schaffen. Es mag kein leichtes Unterfangen werden. Aber wenn man schaut, wo Stephanie vor fünf Jahren stand, dann ahnt man, dass sie auch das schaffen kann.

Verletzungen oder Krankheiten haben dich erst recht angespornt, weiter aktiv zu sein? Du hast viel durchgemacht, aber der Triathlon hat dir immer Halt gegeben? Du hast eine spannende Geschichte, wie du zum Triathlon gekommen bist? Deine Geschichte sollten wir unbedingt kennen? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.


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