Wenn der Sport hilft, das Leben besser zu meistern

28.01.2020 15:27 von Thorsten Eisenhofer

Eines Tages schlägt die Triathletin Nicole Swoboda Andreas Beseler vor, beim Ironman 70.3 in Wiesbaden in einer Staffel zu starten. Beseler sagt sofort zu. Insgesamt dreimal gehen Swoboda, ihr Mann und er in Wiesbaden an den Start. Sie landen immer auf dem Podium. Beseler nimmt jedes Jahr an Staffelrennen im Rahmen von Triathlons teil. „Es ist für mich jedes Mal ein tolles Erlebnis“, sagt Beseler und fügt an: „Ich weiß, dass ich wegen meines Handicaps beim Laufen nie einen Triathlon alleine machen kann. Es ist für mich bei einer Staffel schon schwierig, den Weg aus der Wechselzone heraus zu laufen.“

Die Leidensgeschichte von Andreas Beseler beginnt im Herbst 1992. Taubheitsgefühl in der rechten Hand, Taubheitsgefühl im rechten Bein. Von Tag zu Tag kann er sich schlechter bewegen. Er geht zum Hausarzt. Der Hausarzt schickt ihn zum Neurologen. Der Neurologe schickt ihn ins Krankenhaus. Dort folgen viele Untersuchungen. Am Ende erfährt Beseler, was er eh schon vermutet, weil seine Mutter an derselben Krankheit leidet: MS, Multiple Sklerose. „Das war ein riesen großer Schock für mich“, sagt Beseler und fügt an: „Ich war innerhalb von kürzester Zeit schwer behindert und abhängig von Hilfe.“

Als der Arzt den Raum verlassen hat, geht Beseler auf den Balkon. Er weiß, dass er zwei Optionen hat: Springen. Und sein Leiden ist zu Ende. Oder kämpfen und leiden. Beseler entscheidet sich für kämpfen und leiden. „Ich wollte niemandem zur Last fallen. Springen wäre die einfachere Option gewesen“, sagt Beseler und fügt an: „Ich habe mir allerdings gesagt, ich kämpfe für meine Frau und meine Familie.“

Er bekommt Medikamente gegen Muskeltonus und Spasmus, ist ständig müde und schlapp, hat auf nichts mehr Lust. Aber er kämpft. Er muss kämpfen. „Man lernt, mit den Handicaps umzugehen“, sagt Beseler. Er kann keine Pizza alleine schneiden, kein Wasserglas heben. Er, der immer selbstständig und erfolgreich war, muss nun Hilfe anderer annehmen. Freunde und seine Frau unterstützen ihn. „Meine Freunde haben mich zum Glück nicht bedauert, sondern mir in den Arsch getreten, wenn es nötig war“, sagt Beseler.

"Ohne Sport wäre ich im Rollstuhl gelandet"

Er wird mit den Worten aus dem Krankenhaus entlassen: „Vermeiden Sie körperliche Anstrengung, baden Sie nicht heiß, keine Sauna oder Dampfbad und vermeiden Sie sich der Sonne auszusetzen.“ Andreas Beseler vernimmt die Worte, probiert aber selbst aus, was ihm nicht gut tut. Und was ihm gut tut. Sport tut ihm gut. „Ohne Sport, wäre ich im Rollstuhl gelandet. Und ich weiß nicht, wie meine Vita dann weitergegangen wäre.“

Sein erstes Glück ist der Besitzer eines Sanitätshauses. Dort soll sich Beseler eigentlich einen Rollstuhl aussuchen. Der Sanitätshausbesitzer überredet ihn jedoch, es erst einmal mit Krücken zu versuchen. Er braucht zwar für kurze Strecken eine Ewigkeit. Aber er läuft. Auf seinen Beinen. „Ich habe schnell gemerkt, dass mir Bewegung gut tut.“

Sein zweites Glück ist der Sport. Er geht viel ins Schwimmbad, lernt im Wasser wieder laufen. Ein Kumpel geht mit ihm Rad fahren. Aber was heißt schon Rad fahren. Beseler muss am Anfang – wie ein Kind – erst einmal wieder Radfahren lernen. Er hat Angst, der Kumpel muss das Rad am Sattel festhalten, das eine oder andere mal landet er im Graben. Aber irgendwann kann er wieder fahren.

Sport ist seine Therapie. So wie andere Menschen jeden Tag arbeiten gehen, macht Beseler jeden Tag einige Stunden Sport. Sport ist das, was sein Lebens lebenswerter macht, seinen Zustand verbessert beziehungsweise zumindest nicht verschlechtert. Freunde nehmen ihn mit zu Radtouren, machen mit ihm Radtouristikfahrten, Radmarathons, dann sogar Rennen wie die Trans Alp. 2011 gewinnt er den Mallorca Rad-Marathon über 312 Kilometer in der damaligen Streckenrekordzeit von 9:48 Stunden. Der Sieg bedeutet ihm aber nicht so viel, so sagt er, wie die Dankbarkeit, die er gegenüber seiner Frau und seinen Freunden empfindet, die ihn immer unterstützen.

Sein Leben ist bei weitem nicht mit einem normalen Leben zu vergleichen. Erst recht nicht, nachdem er vor rund eineinhalb Jahren einen schweren Unfall mit dem Rad hatte, einen Genickbruch erlitt. Aber er hat in all den Jahren gelernt, bestmöglich mit der Erkrankung, mit den „negativen Sachen“, umzugehen. Er weiß, dass er schneller ermüdet, sein Sprachfindungszentrum manchmal gestört ist. Aber er schafft es, den Muskeltonus ganz gut zu kontrollieren.

Andreas Beseler hat viel mit sich, mit seiner Erkrankung zu tun. Aber trotzdem macht er sehr viel für andere. Seit ein paar Jahren sammelt er Spendengelder mit der Aktion „Rad statt Rollstuhl/Besi&Friends“, zum Beispiel bei Mehrtagesradtouren, bei denen ihn auch meistens Ex-Profis begleiten. Auf die erste Tour, die 2013 durch Kanada führt, wird die Presse aufmerksam. Es gibt einen Kinofilm: Tour fürs Leben. Dieses Jahr gründet Beseler eine Stiftung. Diese Unterstützung für andere, ist mittlerweile ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. „Ich wurde gebraucht, war noch etwas wert“, sagt Andreas Beseler, der große Kämpfer.

Weitere Informationen zu Andreas Beseler, seinen Projekten und seinem neuen Kinofilm, gibt es hier und hier.

Verletzungen oder Krankheiten haben dich erst recht angespornt, weiter aktiv zu sein? Du hast viel durchgemacht, aber der Triathlon hat dir immer Halt gegeben? Du hast eine spannende Geschichte, wie du zum Triathlon gekommen bist? Deine Geschichte sollten wir unbedingt kennen? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.


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