"Muss meinen Körper wieder in den Griff bekommen"

28.01.2020 15:27 von Thorsten Eisenhofer

Sophia Saller hat zu Beginn des Jahres ihre Triathlonkarriere für beendet erklärt. Im Interview erzählt die 25-Jährige, warum sie ihre Laufbahn beendet hat und wann sie das beschlossen hat. Zudem verrät die ehemalige U23-Weltmeisterin, warum ihre Eltern sie manchmal beim E-Mail schreiben unterstützen mussten, was ihr noch mehr wert als ihre Erfolge ist – und ob es die Chance auf ein Comeback gibt.

Sophia, wie fühlt es sich an, nach über einem Jahrzehnt nun nicht mehr Leistungssportlerin zu sein?

Komisch. Es fehlt einem etwas. Aber gleichzeitig ist es auch schön zu wissen, dass man nicht unbedingt rausgehen muss, um zu trainieren, wenn das Wetter wirklich schlecht ist. Und ich habe plötzlich viel Zeit (lacht).

Das ist doch auch mal schön.

Das hat etwas. Ich habe meine Doktorarbeit Ende des Jahres abgegeben und verteidigt sowie mit dem Leistungssport aufgehört. Es war das erste Mal seit zehn Jahren, dass ich über Weihnachten nicht lernen musste, keinen Stress hatte.

Wann hast du beschlossen, deine Karriere zu beenden?

Ich hatte Mitte Dezember ein Gespräch mit meinem Trainer (Roland Knoll, Anm. d. Red.). Da wurde mir klar, dass ich aufhören werde. Aber es war natürlich ein langer Prozess.

Wenn man so will wurde das Karriereende beim Rennen der World Triathlon Series (WTS) in London 2015 eingeleitet.

Da habe ich beim Schwimmen an der ersten Boje einen Tritt ins Gesicht bekommen. Ich konnte danach bei der Dopingprobe kaum eine Banane essen, so starke Kieferschmerzen beim Kauen hatte ich. Der Kiefer war dann schon am nächsten Morgen wieder besser und da bei mir die Bachelor-Prüfungen an diesem Tag begannen, machte ich mir auch nicht weiter Gedanken darüber. Leider ist so erst zwei Jahre später festgestellt worden, dass ich mir den Kiefer dissloziert hatte. Die Fehlstellung des Kiefers hat in den vergangenen Jahren zu vielen körperlichen Problemen und Verletzungen geführt, die mich immer wieder zurückgeworfen haben.

Und dann kamen noch die Bakterien im Darm dazu.

2019 war ich nach dem Training oft so müde und erholte mich gar nicht mehr vollständig vom Training. Mein Hormonhaushalt wurde überprüft, ich habe gefühlt tausend Mal Blut abgenommen bekommen, bis endlich eine Diagnose stand. Die Zeit der Darmsanierung war wirklich hart. Ich musste mich nach lockeren Bewegungen hinlegen, so kaputt war ich. Ich konnte maximal zehn Stunden die Wochen locker Sport machen. Aber trotzdem war mir klar: Ich will zurückkommen. Das hat ja auch geklappt und die Ergebnisse (Sophia belegte Rang sechs beim Africa-Cup in Agadir und Rang 14 beim Europa-Cup in Constanta, Anm. d. Red.) waren für das wenige Training davor ganz gut.

Trotzdem hast du dich dann für ein Karriereende entschieden.

Das vergangene Jahr war extrem hart und hat sehr viel Kraft gekostet. Seit Jahren fehlt durch die ständigen Verletzungen die Kontinuität im Training. Ich bin ja jedes Jahr mehrere Monate verletzungsbedingt ausgefallen. Das lässt sich irgendwann nicht mehr kompensieren. Leistungssport heißt, kontinuierlich an die Grenzen zu gehen. Aber ich muss erst einmal meinen Körper und meinen Kiefer wieder in den Griff bekommen. Dafür braucht der Körper Zeit. Es ist schade, wie es gelaufen ist. Wer weiß, was für mich möglich gewesen wäre, wenn die Probleme mit dem Kiefer frühzeitig erkannt worden wären. Ich hätte sicherlich einiges mehr erreichen können.

In deinem Statement Anfang Januar hast du von einem „Break“ geschrieben. Das heißt auf Deutsch Pause. Ist es erst einmal „nur“ eine Pause oder wirklich das Ende deiner Karriere?

Es ist schon eher ein Karriereende. Durch das abgeschlossene Studium habe ich ein zweites Standbein. Auf dem Job liegt nun der Fokus. Wenn ich in eins, zwei Jahren wieder richtig gut im Training sein sollte, kann es natürlich schon sein, dass ich sage, ich probiere es noch einmal. Aber ich möchte nicht mit dem Gedanken, ich komme vielleicht zurück, in diesen neuen Lebensabschnitt starten. Es geht jetzt darum, den Körper wieder richtig hinzubekommen und vor allem Spaß am Sport zu haben. Alles andere wird man dann sehen.

Wie fühlt es sich an, etwas abzuschließen, dass dich über so viele Jahre begleitet hat?

Das ist schon hart. Es ist immer hart, etwas aufzugeben, was einen über einen Großteil seines Lebens definiert hat. Ich bin bekannt als Sophia Saller, die Leistungssportlerin. Es ist, als wenn ich einen Teil meiner Identität aufgebe.

Was nimmst du mit aus der Zeit als Leistungssportlerin?

Der Leistungssport hat mir extrem viel beigebracht, hat mir tolle Erlebnisse und Freundschaften beschert. Ich merke bei der Jobsuche, dass viele Leute Eigenschaften wie Durchhaltevermögen, Zielstrebigkeit und das ständige Streben, besser zu werden von Leistungssportlern schätzen. Man lernt als Leistungssportler viel über sich und seine Grenzen und dass im Leben nicht immer alles so funktioniert, wie man das vielleicht gerne hätte.

Was bedeutet dir mehr: die Erfolge oder die Freundschaften und Begegnungen?

Auf dem Papier sehen die Erfolge besser aus. Sie werden immer als etwas Besonderes in Erinnerung bleiben. Vor allem weil ich bei einigen meiner größten Erfolge alleine mit meinem mittlerweile verstorbenen Papa unterwegs war. Mit ihm war es immer lustig. Aber am Ende sind es die Erinnerungen und die Menschen, denen man begegnet ist, die für mich die Erinnerung an den Leistungssport ausmachen. Die Erfolge selber waren nur „süße Beigaben“.

Du hast neben der Leistungssportkarriere in Oxford studiert. Hattest du mal überlegt, dem Sport alles unterzuordnen?

Das wäre der Plan für 2019/2020 mit Blick auf die Olympischen Spiele in Tokio dieses Jahr gewesen, wenn ich nicht diese körperlichen Probleme gehabt hätte. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich etwas neben dem Sport brauche, regelmäßig den Kopf benutzen muss.

Was hat dir denn mehr Spaß gemacht: der Leistungssport oder das Studium?

Mal so, mal so (lacht). Wenn es im Sport gut lief, hat der schon extrem viel Spaß gemacht. Für mich war die Kombination aus beiden sehr gut. Wenn es im Sport mal nicht so lief, hatte ich noch das Studium. Und wenn die Uni gerade sehr anstrengend war, half der Sport.

Du bist als 13-Jährige nach Großbritannien gekommen und hast dort bis Anfang vergangenes Jahr gelebt. Was gefällt dir an Deutschland besser, was an Großbritannien?

Das Schöne an Deutschland ist, dass es erst einmal in der Europäischen Union bleibt (lacht). Jedes Land hat seine Besonderheiten. Ich hatte das Glück, über ein Jahrzehnt in England zu leben, was meinen Horizont sehr erweitert hat. Man lernt, dass nicht alles selbstverständlich ist. In Deutschland ist es selbstverständlich, dass es zum Beispiel wirklich gutes Brot gibt. In Großbritannien ist es schon schwieriger, das zu bekommen. Die Engländer sind sehr freundlich im Umgang. Aber sie sind nicht so direkt. Sie sagen nicht, dass etwas schlecht ist. Sie sagen: Das ist toll, aber … Da lernt man die deutsche Direktheit zu schätzen. Es ist cool, die Unterschiede zu erkennen und sich eine Kombination aus der deutschen Direktheit und der englischen Höflichkeit anzueignen.

Wie war das für dich, Deutschland als 13-Jährige zu verlassen?

Das war damals ein cooles Abenteuer für mich. Ich habe einen älteren Bruder und eine jüngerer Schwester. Unsere Eltern haben uns gefragt, ob wir in München bleiben oder nach London gehen wollen. Das waren jobbedingt die Möglichkeiten für meinen Vater. Mein Bruder und ich fanden es cool, nach London zu gehen. Meine Schwester war da zuerst ganz anderer Meinung. Lustigerweise war sie die Erste von uns, die sich in Großbritannien richtig wohl gefühlt hat.

Für dich war es nicht ganz so einfach, dich zurecht zu finden?

Rückblickend muss ich sagen, dass es mir viel gebracht hat. Ich weiß nicht, ob ich in Deutschland mit dem Triathlon angefangen hätte. Aber es war damals natürlich nicht einfach, in ein fremdes Land zu ziehen. Englisch war mein schlechtestes Fach in der Schule. Wir waren in England auf der Deutschen Schule in London. Aber trotzdem wurde Englisch dort auf landessprachlichem Niveau unterrichtet. Ich gehörte zu den schlechtesten Englischschülern der Klasse, obwohl ich mit der Leistung auf einer Schule in Deutschland eine der Besten gewesen wäre. Ich wollte Englisch in der Oberstufe sogar abwählen. Davon wurde mir dann abgeraten. Das war vermutlich auch gut mit Blick auf mein Studium (lacht).

Sprichst du besser Englisch oder Deutsch?

Mittlerweile wieder besser Deutsch. In den sieben Jahren an der Universität in Oxford habe ich nur Englisch gesprochen, außer wenn ich mit meinen Eltern telefoniert habe. Wenn ich formelle E-Mails auf Deutsch geschrieben habe, habe ich sie vorher meinen Eltern zum Überprüfen geschickt. Meine Mutter hat darüber immer Witze gemacht.

Du bist seit einem knappen Jahr wieder in Deutschland. Siehst du hier deine Zukunft?

Ich möchte meinen Berufseinstieg in Deutschland machen (am liebsten im Bereich künstliche Intelligenz, Anm. d. Red.), auch aufgrund des deutschen Sozialsystems und des Brexits. Ich kann mir aber vorstellen, beruflich mal für eine Zeit lang ins Ausland zu gehen. Es ist auch schön, wieder näher an meiner Familie zu sein und mehr Zeit für sie zu haben. Mein Opa ist 90, er wohnt direkt neben meiner Mama. Es ist schön, ihn besuchen zu können, ohne im Hinterkopf zu haben, dass bald die nächste Trainingseinheit ansteht oder ich wieder lange unterwegs bin.


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