Gabriel Allgayer - der junge Mann mit dem Doppelleben

18.06.2020 11:37 von Thorsten Eisenhofer

Als Gabriel Allgayer in der zehnten Klasse für ein Auslandsjahr in die USA ging, war er ein ambitionierter Hobbyathlet. Er machte Triathlon gerne. Aber Triathlon war zu jenem Zeitpunkt für ihn auch ein Sport, von dem er dachte, er werde ihn bis zum Ende seiner Schulzeit machen. Aber nicht länger, um sich dann auf seine berufliche Ausbildung konzentrieren. Als Gabriel nach seinem Abitur (er hatte zwischenzeitlich beschlossen, die Schule in den USA fertig zu machen) nach Deutschland zurückkehrte, war er ein Leistungssportler mit ambitionierten Zielen. Triathlon war für ihn zu einem Sport geworden, in dem er das Bestmögliche erreichen wollte. Die drei Jahre in den USA hatten aus einem ambitionierten Nachwuchs-Hobbysportler einen Leistungssportler mit dem Fernziel Olympische Spiele 2024 gemacht.

Nun ist es natürlich leicht zu sagen, dass Gabriel kein ambitionierter Leistungssportler geworden wäre, hätte er seine abschließenden drei Schuljahre in Deutschland verbracht. Oder dass er als Jugendlicher noch nicht reif genug war, sein sportliches Potential zu erkennen. Doch der Einfluss des USA-Aufenthaltes auf seine Entscheidung ist groß. Sehr groß. Den Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn man sich mit Gabriel über dessen Gefühlswandlung unterhält. Der 21-Jährige sagt dann zum Beispiel: „Ich habe eine unglaubliche Begeisterung für den Leistungssport aus den USA mitgenommen, die auch mit der Wertschätzung der US-Amerikaner für Spitzensportler zusammen hängt.“ Oder: „In den USA gibt es eine ganz andere Leistungssportkultur.“

Diese Werte, diese Sichtweise, diese Begeisterung haben in ihm einen Denkprozess ausgelöst. Seine eigene Erwartungshaltung ist gestiegen. Plötzlich war etwas da, was er zuvor nicht hatte: die Motivation, im Sport langfristig das Bestmögliche erreichen zu wollen. Sein Ehrgeiz war angestachelt. Die Erfolge sprachen ja auch dafür. Er verbesserte sich als Jugendlicher von Jahr zu Jahr, erreichte bei Deutschen Nachwuchsmeisterschaften zweimal das Podium, qualifizierte sich 2017 für die Junioren-EM.

Gabriels Eltern sind beide Akademiker. Auch Gabriel ist es wichtig, beruflich etwas zu erreichen. Das bekommt er von seinen Eltern auch so vorgelebt. Aber Gabriel merkte mit der Zeit, dass er in seinem Leben nicht nur im Beruf erfolgreich sein will. Sondern dass er auch das seltene Privileg in Form eines Talents hat, auch im Sport erfolgreich sein zu können. Er beschloss, neben dem Leistungssport ein Medizinstudium zu absolvieren. Oder neben dem Medizinstudium Leistungssportler zu sein. Je nach Sichtweise. „Ich wusste, es wird nicht leicht, beides hinzubekommen. Aber ich wollte es, war motiviert, wusste, warum ich es mache. Daher habe ich es auch geschafft“, sagt Gabriel.

Auf seinem beruflichen Weg hat er Anfang des Jahres alle Klausuren vor dem ersten Staatsexamen abgeschlossen und legt nun erst mal eine gewollte Studienpause ein. Eine Pause, jedoch eine ungewollte, hatte er zuletzt im Triathlon. 2019 konnte er nach einer erst spät diagnostizierten Blockade der Hüfte nur wenige Wettkämpfe bestreiten. Das war natürlich ein Rückschritt nach dem erfolgreichen Jahr 2018, als er Dritter bei den Deutschen Meisterschaften der Elite wurde, Rang sieben bei der U23-WM belegte und dort mit der deutschen Mannschaft Silber im Mixed Relay gewann. Erfolge, die ihn auf seinem eingeschlagenen Doppel-Weg bestärkten.

Gabriels Weg in den Triathlon ist ein bisschen dem Zufall geschuldet, auch wenn dieser mit (Weg-)Laufen und (Fast-)Schwimmen zu tun hat: Als Kleinkind im Sommerurlaub auf Gran Canaria schlich sich Gabriel beim Mittagsessen vom Tisch davon Richtung Pool. Schwimmen konnte er damals noch nicht, Schwimmflügel trug er auch nicht. Seine Eltern bemerkten gerade noch rechtzeitig, wohin sich ihr Sohn entfernt hatte. Dieser hatte es bis zum Beckenrand geschafft. Zum Glück nicht weiter. „Ich will nicht wissen, wie das sonst ausgegangen wäre“, sagt Gabriel. Seine Eltern beschlossen daraufhin, ihren Sohn zum Schwimmen zu schicken. Es war, wenn man so will, der Start in Gabriels Triathlonkarriere.

Sport betrieb er als Kind und Jugendlicher über Jahre als reines Hobby. Erst als Schwimmer, ab seinem 14. Lebensjahr dann als Triathlet. In seinem zweiten Jahr in der Jugend B („Ich hatte damals noch immer keine wirkliche Ahnung, wie ein Triathlonrennen abläuft“) nahm er erstmals an Deutschen Nachwuchsmeisterschaften teil. Er belegte Rang 16 – nach einem Radsturz. Roland Knoll berief ihn daraufhin in den bayrischen Nachwuchs-Landeskader. Bald darauf ging Gabriel dann für drei Jahre in die USA. „Die Zeit in den USA war eine Lebenserfahrung, die ich so in Deutschland nicht bekommen hätte“, sagt Gabriel: „Ich bin durch die Zeit viel schneller selbstständig geworden.“ Diese Selbstständigkeit hatte wohl auch ihren Anteil an Gabriels Entscheidung, nicht nur auf das Studium, sondern auch auf den Sport zu setzen.


Zurück