Das Leben unserer Nationalkaderathleten in Zeiten von Corona

27.03.2020 16:04 von Thorsten Eisenhofer

Vor ein paar Wochen war der Weg für die deutschen Spitzentriathleten für das Jahr 2020 noch vorgezeichnet: Im März mit den ersten Wettkämpfen in die Saison einsteigen, Ende Mai beim internen Olympia-Qualifikationsevent in Kienbaum dann in Topform sein und anschließend entweder nach Tokio zu den Spielen fahren oder noch einige internationale Rennen bestreiten. Doch dann kam alles anders. Das Corona-Virus breitete sich aus – und hält derzeit (und wohl noch über einen langen Zeitraum) die Welt in Atem. Sport ist von der schönsten Nebensache der Welt zu einer Nebensächlichkeit geworden. Andere Dinge sind derzeit deutlich wichtiger.

Trotzdem haben wir mal geschaut, wie unsere Nationalmannschaftsathleten mit dieser Situation umgehen. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass diese Woche die Olympischen Spiele in Tokio – für viele Athleten das große Ziel – verschoben wurden. Für die Athleten ist Sport immerhin ihr Beruf, den sie momentan (zumindest was Wettkämpfe betrifft) nicht ausüben können. Einer dieser Athleten ist Jonas BreinlingerJonas Breinlinger. Er ist zugleich – zusammen mit Lena Meißner – Athletensprecher der DTU. Normalerweise trainiert er am Stützpunkt in Saarbrücken.

Jonas, seit Dienstag ist klar: 2020 werden keine Olympischen Spiele stattfinden. Wie gehst du, wie geht ihr Triathleten, mit dieser Situation um?

In erster Linie wurde mit der Verschiebung der Olympischen Spiele auf nächstes Jahr erst einmal Klarheit geschaffen und es gibt uns Athleten zunächst ein bisschen Ruhe. Trotzdem ist es eine komische Situation, weil sich zu Beginn der Saison wirklich jeder darauf eingestellt hat, dass dieses Jahr der große Saisonhöhepunkt im Sommer stattfindet. Die Daten des Qualifikationswettkampfes und der Rennen bei Olympia sind fest bei uns im Kopf. Aber jetzt gilt es, neu zu planen und sich neu vorzubereiten.

Wie sieht dein Training derzeit aus?

Der Stützpunkt ist geschlossen, wir dürfen nicht in die Schwimmhalle. Jeder trainiert derzeit für sich individuell. Wir machen keine gemeinsamen Läufe oder Radausfahrten mehr. Da wir noch laufen und Rad fahren können, gestaltet sich das Training noch relativ normal. Anstatt zu schwimmen, arbeiten wir viel mit dem Zugseil. Wobei das Training im Wasser natürlich nicht komplett ersetzt werden kann. Beim Schwimmen ist auch immer das Gefühl wichtig. Das bekommt man nur durch viel Training im Wasser. Man versucht halt irgendwie, die Form aufrecht zu erhalten.

Wettkämpfe finden derzeit nicht statt. Wie schwer ist es, sich zu motivieren?

Für mich ist es nicht schwer. Triathlon ist die Sportart, die ich liebe. Deshalb macht mir auch das Training viel Spaß, weil ich eben gerne schwimme, Rad fahre und laufe. Beziehungsweise nun eben Rad fahre und laufe. Dennoch ist es nicht einfach, weil mir die Trainingsgruppe schon sehr fehlt.

Musst du als Athletensprecher derzeit eigentlich viele Fragen von Athleten beantworten?

Die meisten Athleten klären so etwas mit ihrem Trainer. Wenn wir (Lena Meißner und er, Anm. d. Red.) Informationen bekommen, geben wir diese natürlich weiter.

Die Zahl der Infizierten steigt in Deutschland derzeit von Tag zu Tag. Es geht also vor allem um die Bekämpfung des Coronavirus und die Eindämmung der Ausbreitung, um vor allem die Menschen aus Risikogruppen zu schützen. „Der Sport, beziehungsweise die Ausübung des Sports steht derzeit nicht im Mittelpunkt. Es geht um wichtigere Dinge“, sagt etwa Casper Grim, Verbandsarzt der Deutschen Triathlon Union (DTU). Das gesellschaftliche Leben ist nahezu zum Stillstand gekommen.

Jonas, welchen Stellenwert hat Sport in einer solchen Situation überhaupt noch?

Klar versucht man, die Form zu halten, weil man Leistungssportler ist. Aber auch für uns steht im Vordergrund, Distanz zu anderen Menschen zu halten und unseren Beitrag dazu zu leisten, das Virus einzudämmen. Ziel muss es sein, dass sich die Situation in Deutschland nicht weiter verschlechtert, sondern langfristig verbessert. Dazu muss jeder seinen Beitrag leisten. Je konsequenter das passiert, desto schneller können wir in die Normalität zurückkehren – und vielleicht sogar in der zweiten Jahreshälfte 2020 wieder Rennen bestreiten.

Machst du dir Sorgen?

Jeden Tag kommen neue Fälle dazu. Die Zahl steigt an. Man hofft jeden Tag, dass nicht Eltern oder Freunde anrufen und sagen, dass sie infiziert sind. Man kann ja nie voraussagen, wie es verläuft.

Als die Situation in Deutschland vor rund zwei Wochen deutlich angespannter wurde, warst du noch auf Mauritius. Wie hast du es von dort aus erlebt?

Zum einen war es natürlich alles weit weg. Zum anderen liest man die ganzen Berichte, spricht mit Leuten in Deutschland. Was man gehört und gelesen hat, war nicht schön. Irgendwann will man nur nach Hause, weil man sich natürlich auch Sorgen um Familienangehörige und Freunde macht. Als Valentin (Wernz, Anm. d. Red.) und ich dann zurückgeflogen sind, war der Bereich für Ankünfte im Flughafen von Mauritius schon geschlossen. Im Endeffekt waren wir froh, wieder zu Hause zu sein.

Im Oktober des vergangenen Jahres hast du noch einen Wettkampf in Wuhan absolviert, dem Ort, an dem die Pandemie ihren Anfang nahm.

Ein paar Wochen später ist das Virus dann dort ausgebrochen. Da war ich dann schon froh, wieder weg gewesen zu sein. Es ist schon heftig, wie schnell sich das Virus verbreitet hat und ich hätte damals nicht gedacht, dass wir es so in dieser Form zu spüren bekommen.

Seit dem Herbst des vergangenen Jahres haben sich die deutschen Triathleten auf die Saison 2020 vorbereitet. Für viele Topathleten stand am ersten Märzwochenende mit dem Rennen der World Triathlon Series (WTS) in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) der erste Wettkampf des Jahres an. Er wurde ein paar Tage zuvor abgesagt. Es folgten weitere Rennabsagen, bevor die Internationale Triathlon Union (ITU) Mitte März eine Wettkampfpause bis Ende April ankündigte.

Der Europacup in Huelva (Spanien), für den einige deutsche Athleten gemeldet hatten, gehörte zu den Wettbewerben, die kurzfristig abgesagt wurden. Caroline Pohle war eine der deutschen Athleten, die Mitte März in Huelva starten wollten. Die Leipzigerin war schon in Spanien vor Ort, als sie die Nachricht der Absage erreichte. „So eine Absage haut dich dann natürlich erst einmal um, vor allem, wenn du schon vor Ort bist“, erzählt sie. Pohle verbrachte zwei Tage in Spanien, bis sie einen Rückflug bekam, erzählt von leergekauften Supermarktregalen und einer insgesamt komischen Stimmung: „Man war einfach froh, wieder zu Hause zu sein.“

Jonas, wie geht man als Athlet damit um, nicht zu wissen, wie es weiter geht?

Die Situation ist nicht einfach für Leistungssportler. Wir wollten alle mit den Wettkämpfen loslegen und haben uns auf eine Saison mit vielen Höhepunkten gefreut. Jetzt hat man natürlich schon das Gefühl, dass die ganze Vorbereitung umsonst war. Der Zeitpunkt der Wettkampfpause ist für uns Triathleten sicherlich nicht gerade glücklich, weil wir eine lange Pause hatten und sich alle auf die Wettkämpfe gefreut haben.

Es herrscht eine gewisse Ungewissheit vor.

Ja, man weiß nicht, wann wir in die Normalität zurückkehren können. Wir hoffen natürlich alle, dass wir 2020 noch Wettkämpfe absolvieren können. Ein Jahr ohne Wettkämpfe wäre nicht einfach zu verarbeiten.

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