Ricarda Lisk: „Es tat gut, die Zeit zu verplempern“

05.03.2020 15:58 von Thorsten Eisenhofer

Ricarda Lisk hat 2017 ihre Karriere beendet. Sie arbeitet mittlerweile als Trainerin, hat gerade die Trainer-A-Ausbildung Langdistanz erfolgreich abgeschlossen. Sie hat uns im Interview verraten, warum sie sich als schlimme Athletin sah, warum sie sich den Traum von einem Pferd doch nicht erfüllt hat, warum es manchmal Tränen im Trainingslager gab und was das Muttersein aus einer Ego-Profi-Athletin macht.

Macht Sporttreiben jetzt mehr Spaß?

Es ist anders. Ich mache immer noch Sport. Aber diesen Zwang nicht mehr dahinter zu sehen, das ist schon schön. Ich muss nicht mehr eine Stunde laufen, sondern ich gehe nach Hause, wenn ich keine Lust mehr habe. Oder ich fahre nur eine Stunde Rad. Früher hätte ich für eine Stunde mein Rad nicht rausgeholt.

Bleibt mehr Zeit für Hobbys?

Das war etwas, was ich genossen habe: Ich hatte nach dem Karriereende plötzlich extrem viel Zeit. Ich habe die Zeit auch verplempert. Aber es tat gut, die Zeit zu verplempern. Ich habe zum Beispiel bis um acht Uhr geschlafen, ewig gefrühstückt. Dann habe ich mich um halb zehn hingesetzt und einen Plan gemacht, gedacht, du kannst heute vielleicht schwimmen gehen. Manchmal war es komisch, ich habe gedacht, du brauchst wieder ein bisschen Struktur. Die kam dann mit dem Kind (Lisk wurde Anfang 2019 Mutter, Anm. d. Red.).

War es schwer, den Übergang zu schaffen?

Ich wollte keine Wettkämpfe mehr machen. Ich war mental müde, musste mich echt zum Training zwingen. Deshalb habe ich den Inferno-Triathlon (3,1 km Schwimmen, 97 Kilometer Rennradfahren, 30 Kilometer Mountainbike, 25 km Berglauf, Anm. d. Red.) als Karriereende gewählt. Es war ein anderer Wettkampf und damit war es auch ein anderes Training. Mountainbiken, wandern oder Bergläufe standen auf dem Programm. Das hat mega Spaß gemacht, ich habe mich noch einmal reingekniet. Was auch gut war, um überhaupt das Ziel zu erreichen.

Seitdem hast du keinen Wettkampf mehr absolviert.

Die Leute fragen immer mal, ob ich nicht Lust habe, bei einem Wettkampf mitzumachen. Nein, habe ich nicht. Ich könnte mich nicht mehr anstrengen, weil ich merken würde, dass ich nicht mehr das bringen würde, was ich früher geleistet habe. Dann macht es keinen Spaß. Und dann kann ich auch einfach so laufen oder radeln gehen.

Bist du manchmal wehmütig beim Blick zurück und denkst, es wäre schön, immer noch als Profi zu starten?

Ich wollte mein Leben nicht mehr gegen eine Profikarriere eintauschen. Dadurch, dass ich in der Schweiz lebe, bekomme ich viel von der Karriere von Nicola Spirig (Olympiasiegerin 2012, Anm. d. Red.) mit, die sich für Olympia 2020 qualifiziert hat. Ihr drittes Kind wird im April ein Jahr alt. Es ist drei Monate nach meinem Kind auf die Welt gekommen. Ich könnte das nicht. Ich möchte mich gerne selber um mein Kind kümmern. Das ist natürlich auch meine Einstellung. Wie gesagt, ich war froh, als ich meine Karriere beendet habe.

Du bist nun als Trainerin aktiv. Was ist für dich das Tolle am Trainerjob?

Dass ich dem Sport weiterhin verbunden bin und Athleten helfen kann, ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Es ist natürlich deren Erfolg. Aber ich trage ein bisschen was dazu bei. Und wenn sie dann glücklich sind, bin ich auch glücklich.

War dein Trainer auch immer glücklich, wenn du deinen Trainingsplan umgesetzt hast?

Wenn wir jetzt zum Beispiel Lubos (Bilek, Anm. d. Red.) nehmen, der mich 2008 als Trainer zu den Olympischen Spielen gebracht hat, dann war das eine Symbiose zwischen uns. Wir wollten beide zu Olympia und dort das bestmögliche Resultat erreichen. Wir haben uns gegenseitig gepusht. Ich wollte von ihm das Maximum. Er wollte von mir das Maximum. Wir wollten beide das Maximum. So haben wir dann das erreicht, was wir beide erreichen wollten.

Ist es eigentlich einfach, einen Trainingsplan zu erfüllen?

Eine interessante Frage. Ich würde sagen: nein. Ich habe Lubos teilweise heulend angerufen, wenn ich im Winter in Südafrika war und meinte: „Lubos, das ist so viel.“ Und er meinte: „Du musst das schaffen. Noch eine Woche, dann kommt die Ruhewoche.“ So hat er mich dann wieder motiviert, hat mich darauf hingewiesen, warum ich das mache.

Ist es für Altersklassenathleten schwieriger, einen Trainingsplan zu erfüllen?

Es ist anders schwierig. Bei mir war es schwierig, den Umfang in dieser Intensität zu erfüllen. Jede Einheit musste 100 Prozent sein. Altersklassen-Athleten haben ihren Job, ihre Familie. Da kann es manchmal sein, dass es nicht geht. Also muss ich den Plan so schreiben, dass es im Einklang mit Beruf und Familie möglich ist - und sie zufrieden sind.

Es ist also eine Herausforderung, sich als Trainer auf den Menschen hinter dem Athleten einzulassen?

Jeder Athlet ist individuell, hat andere Eigenschaften, andere Familien. Bei Altersklassenathleten ist die Erstellung eines Trainingsplanes niemals copy and paste.

Wann hast du gewusst, dass du Trainerin werden willst?

Früher hätte ich nie gedacht, dass ich Trainerin werde. Ich war so eine schwierige Athletin, dachte, wenn ich so jemand trainieren müsste, würde ich die Krise kriegen (lacht). Es hat sich in den letzten Profijahren ergeben. Ich habe Freunden Trainingspläne geschrieben, habe bei Trainingscamps mitgeholfen. Und so kamen immer mehr Menschen auf mich zu und haben gefragt, ob ich sie nicht trainieren will.

Würdest du rückblickend immer noch sagen, dass du eine schwierige Athletin warst?

Ich war nie zufrieden. Und die schlimmsten Athleten sind die, die nie zufrieden sind.

Und wie viele hast du von denen nun selbst?

(lacht) Einen speziellen. Da sehe ich mich selbst in ihm. Es ist für mich eine Herausforderung, diesen Athleten zufrieden zu machen.

Sprichst du mit solchen Athleten darüber, erzählst, dass du früher auch eine schwierig zu trainierende Athletin warst?

Ja, das erzähle ich. Ich sage ihm, dass ich ihn verstehen kann, dass er aber auch einsehen müsse, dass er eine gute Leistung gezeigt hat, oder vielleicht auch nicht.

Was gibst du Athleten mit?

Der Weg ist das Ziel. Viele sehen nur den Wettkampf als Ziel. Aber Training ist auch Abreagieren von der Arbeit, neue Leute kennenlernen, etwas für die Gesundheit tun, was das Wichtigste ist. Man muss sich bewusst sein, dass Training eine schöne Zeit ist. Und dass man die Zeit, die man für den Sport opfert, letztlich sinnvoll opfert.

Du hättest nach deiner Karriere auch sagen können, du hast genug vom Triathlon und machst etwas anderes. Ist die Liebe zum Triathlon so groß?

Ich steige jetzt nicht auf Fußball um (lacht).

Es gibt Leute, die machen etwas ganz anders, geben Nähkurse oder so.

Ich habe tatsächlich nähen gelernt. Das war eine der Sachen auf meiner To-do-Liste für die Zeit nach dem Sport. Durch meine Tochter hat sich mein Leben nun aber so oder so komplett geändert. Ich muss öfters schmunzeln. Vor der Geburt hat sich ja immer alles nur um mich gedreht. Nun gibt es kein Ego-Profi-Leben mehr. Wenn die Kleine kräht, springt die Mami. Ich freue mich.

Selbstständig warst du ja eigentlich schon als Sportlerin und bist es nun als Trainerin. Wären mehr finanzielle Sicherheit und ein Job ohne Arbeit am Wochenende nicht auch mal etwas gewesen?

Das wäre definitiv interessant gewesen, allerdings kann ich mir nicht vorstellen, feste Arbeitszeiten zu haben. Das hatte ich zwar als Sportler schon auch, aber das ist anders. So habe ich nun immer noch das Gefühl, dass ich eigentlich gar nicht arbeite, weil ich wieder das machen, was mir Spaß macht.

Du hast die To-Do-Liste erwähnt. Was steht da noch drauf?

Ich habe früher immer gesagt, ich tausche mein Rad gegen ein Pferd. Ich wohne ja jetzt in der Schweiz, da ist das sehr teuer. Daher hat sich das erledigt (lacht). Ich wollte durch die Welt reisen, meine Freunde besuchen. Aber das geht mit einem kleinen Kind nicht. Und ich würde gerne an Orte fahren, an die man durch den Triathlon nicht kommt. Ich war zum Beispiel schon auf den Fidschi-Inseln, aber noch nie in Berlin.


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