Triathlon trotz Herzfehler

27.03.2020 12:00 von Jonas Klee

Henrik Buschmann lebt mit einem angeborenen Herzfehler. Sport machen will er trotzdem. Und obwohl er sich zurückzuhalten versucht, verletzt er sich beim Fußballspielen schwer. Doch Henrik quält sich nicht nur durch die Reha, sondern schmiedet einen neuen Plan: Er will einen Triathlon finishen.

Henrik hat ein Loch im Herzen

Bei einer Routine-Untersuchung im Jahr 2009 wird bei Henrik ein unregelmäßiger Herzschlag festgestellt. Später stellt sich heraus, dass er schon seit seiner Geburt an einem Herzfehler leidet. Diagnose: Vorhofseptumdefekt. Henrik hat ein Loch im Herzen, das sich normalerweise bei Heranwachsenden von alleine verwächst. Nicht so bei Henrik. Im Gegenteil. Das Loch ist mittlerweile so groß, dass Henrik für eine Operation am offenen Herzen der Brustkorb geöffnet werden muss. Zu diesem Zeitpunkt ist er 14 Jahre alt.

Henrik übersteht die Operation gut. Schon bald wird er entlassen. Dennoch raten ihm die Ärzte davon ab, Sport intensiv zu treiben – aus Angst um sein Herz. Für ihn ist das ein Schock. Schließlich hielt sich Henrik vor seiner OP nicht nur regelmäßig im Schwimmbad, sondern auch auf dem Fußballplatz oder Leichtathletikstadion auf. Überanstrengen darf er sich nun nicht mehr.

Zudem muss er fortan mit einer rund 25 Zentimeter langen Narbe auf seiner Brust leben. Sie ist nicht nur groß, sondern auch knallrot. Es dauert lange, bis Henrik wieder genug Selbstbewusstsein entwickelt, um sich seinen Freunden ohne T-Shirt zu zeigen.

Der Rückschlag

Die Jahre vergehen und Henrik lernt, sich mit seinem Gesundheitszustand zu arrangieren. Mittlerweile ist er 19 Jahre alt. Er studiert in Göttingen, hat viele Freunde. Doch der Sport fehlt ihm noch immer. Also geht er hin und wieder schwimmen und joggen. Auch in einem Fußballteam der Uni-Liga findet wird er wieder aktiv. Er findet nicht nur zurück zum Fußball. Er findet auch neue Freunde. Er fühlt sich wohl. So wohl, wie lange nicht mehr. Also spielt er regelmäßig mit. Meistens als Torwart.

Im November 2018 steht Henrik auf dem Fußballplatz. Dieses Mal jedoch als Stürmer. Er fängt einen Steilpass des Gegners ab und geht zum Gegenangriff über. Dabei stolpert er. Sein linkes Knie knickt nach außen weg. Zu allem Überfluss fällt er auf eben jenes Knie. Er geht zu Boden, schreit vor Schmerzen. Sanitäter bringen ihn mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus.

Erst Tage später stellt sich heraus, wie schlimm es Henrik erwischt hat: Sein vorderes Kreuzband ist gerissen, genauso wie sein Innenband. Sein Meniskus ist hin. Sein Oberschenkelknochen ist gebrochen. Und er hat einen Knorpelschaden.

Der Weg zum Triathlon

Von da an ist Henrik nur noch auf Krücken unterwegs. Im Januar beginnt er mit der Physiotherapie. Henrik hat Glück im Unglück und kann auch eine Reha machen. Trotz des erneuten Tiefschlags nimmt er sich vor, stärker zurückzukommen, als er vor seiner Verletzung war.

Henrik verbringt viel Zeit im Kraftraum. Er macht schnell Fortschritte. Im Frühjahr kann er die ersten Sprung-Übungen machen. Bald darauf darf er aufs Laufband. Eine Freundin sucht jemanden, der mit ihr zwei Mal pro Woche ins Schwimmbad geht. Henrik meldet sich.

In dieser Zeit wird Henrik eher zufällig auf Triathlon aufmerksam. In den sozialen Medien schaut er sich viele Bilder und Videos von Triathlet*innen an. Der Sport fasziniert ihn. Insbesondre das Durchhaltevermögen, das dafür nötig ist. Henrik beginn davon zu träumen, bald selbst an einem Triathlon teilzunehmen.

„Du kriegst vom Leben immer wieder eins in die Fresse. Aber du jammerst nicht. Du machst einfach einen Triathlon!“ 

Im August, rund acht Monate nach seiner Operation, findet in Göttingen ein Volkstriathlon für Einsteiger statt: 500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen. Henrik möchte unbedingt daran teilnehmen. Nahezu sein gesamter Freundeskreis versucht es ihm auszureden. Sie sagen ihm, es sei die dümmste Idee, die er jemals gehabt hätte. Doch Henrik bestärkt das nur in seinem Vorhaben. Er will es allen beweisen. Also nimmt er teil.

Dabei geht es Henrik nicht um das Erreichen einer bestimmten Zeit oder einer bestimmten Platzierung. Er will einfach nur das Ziel erreichen. Am Tag des Rennens ist Henrik sehr nervös. Er muss immer wieder an sein Herz und seine Verletzungen denken. Er ist so aufgeregt, dass er zu schnell losschwimmt. Doch mit der Zeit genießt er jede Sekunde des Triathlons.

Auf seinem Tracking-Rad überholt Henrik nicht nur einige Triathleten*innen, er sieht unter den Zuschauern auch jede Menge Freunde und Bekannte. Sie sind alle gekommen. Seinetwegen. Auch, wenn sie ihm alle vor einer Teilnahme abgeraten haben. Für Henrik ist das ein extra Motivationsschub. Auf der Laufstrecke muss Henrik immer wieder Gehpausen einlegen. Doch er kämpft. Und schließlich erreicht er das Ziel.

Dort wartet schon ein Freund auf Henrik. Er sagt zu ihm: „Du kriegst vom Leben immer wieder eins in die Fresse. Aber du jammerst nicht. Du machst einfach einen Triathlon!“ Henrik empfindet das als ein großes Lob, auch wenn er weiß, dass er bei all seiner Starrköpfigkeit seine Gesundheit nicht vernachlässigen darf. Doch für den Moment ist er einfach nur glücklich.

Als er seinen Ärzten von seiner Teilnahme an einem Triathlon erzählt, staunen sie. Doch solange er nicht zu leistungsorientiert an die Sportart herangeht, erlauben sie es ihm. Für Henrik ist das eine tolle Nachricht. Mittlerweile trainiert er sogar in einem Triathlon-Verein. Auf Sport verzichten will er nicht mehr. Seinen nächsten Triathlon hat sich Henrik bereits ausgesucht.


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