Age Grouper als Risikogruppe: Mut & Kreativität gegen die Unsicherheit

08.05.2020 10:00 von Jonas Klee

Marianne Grünebach lebt auf dem Land. Sie wohnt da, wo andere Leute Urlaub machen. Die Nähe zur Natur nutzt sie mit ihrem Ehemann für gemeinsame Hobbies. Sie gehen Laufen, Fahrradfahren und Schwimmen im See –zumindest, wenn es warm genug ist. Aktuell fällt es ihr allerdings nicht so leicht wie sonst, das Sporttreiben im Freien zu genießen.

Einschränkungen, Existenzängste, Unsicherheit: Die Corona-Krise hat in den vergangenen Wochen und Monaten viele Menschen hart getroffen. Insbesondere ältere Menschen sorgen sich um ihre Gesundheit – denn wer 50 Jahre und älter ist, gehört zur Risikogruppe. Es ist ein neuer und unsichtbarer Gegner. Zudem gibt es noch kein Gegenmittel. Doch wie gehen eigentlich Triathlet*innen dieser Altersgruppe mit der aktuellen Situation um? Wir haben uns bei Athlet*innen unserer DTU-Altersklassen-Nationalmannschaft umgehört.

"Innerlich bin ich schon etwas hysterisch"

Marianne Grünebach vertritt schon seit vielen Jahren die Altersklassen-Nationalmannschaft, hauptsächlich beim Cross- und Wintertriathlon. Aktuell denkt sie aber nicht an Wettkämpfe. Sie macht sich große Sorgen. Zwar fühlt sie sich körperlich fit und habt keine Vorerkrankungen. Dennoch macht sie sich ihre Gedanken. „Ich bin ein sehr sicherheitsorientierter Mensch. Innerlich bin ich schon etwas hysterisch, auch wenn man mir das nicht anmerkt. Ich achte schon sehr darauf, Abstand zu anderen zu halten“, sagt die 66-Jährige.

Abstand halten, zu Hause bleiben, alleine bleiben. Viele Menschen stellt das vor eine große Herausforderung. Zumindest das fällt vielen der älteren Athlet*innen der DTU-Nationalmannschaft oft gar nicht so schwer.

„Wir haben nicht so sehr mit den Einschränkungen zu kämpfen, die Menschen in der Stadt womöglich haben“, berichtet Marianne Grünebach. Zusammen mit ihrem Mann ist Marianne derzeit viel mit dem Fahrrad unterwegs. Sie fahren gerne in den Wald. Meist sind sie mit dem Mountainbike unterwegs. Sich an die Regeln zu halten, fällt ihnen nicht schwer. „Beim Radfahren versuche ich, viel Abstand einzuhalten“, sagt Marianne. Mit dem Mountainbike kann man auch mal abseits der Wege ausweichen“, erzählt die 66-Jährige.

Mit 60 Jahren zählt auch Frank Bachinger zur Risikogruppe. „Ich kann glücklicherweise fast alles von zu Hause machen“, erzählt er. „Auch deshalb, weil meine Frau lange krank war, versuchen wir, uns besonders zu schützen und sind sehr vorsichtig. Zum Beispiel versuchen wir, nicht so oft einkaufen zu gehen.“ Nach draußen geht Frank nur zum Laufen oder zum Fahrradfahren: „Da habe ich keinen Kontakt zu anderen Menschen. Das ist quasi auch eine Isolation“, berichtet er. Auch Lothar Stall bleibt den größten Teil des Tages zu Hause. „Ich befinde mich eigentlich sogar in einer privilegierten Situation, im Vergleich zu vielen anderen“, sagt der 66-jährige Rentner. „Ich habe eine Wohnung. Meine Partnerin macht Homeoffice. Sport können wir weiterhin treiben. Deswegen bekommen wir auch keinen Lagerkoller.“

"Das Salz in der Suppe fehlt ein bisschen"

Den älteren Age Grouper*innen bieten Sport und Bewegung in der schwierigen Situation Halt und Ablenkung zugleich. Trotz der Schließung vieler Schwimmbäder können fast alle unter Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen mehr oder weniger normal trainieren. Wenn es um das Training geht, werden viele der älteren Athlet*innen zudem kreativ.

So zum Beispiel Frank Bachinger: „Wir haben uns einen kleinen Pool auf die Terrasse gestellt. Mit einem Seil, das wir an der Wand befestigt haben, kann man damit gut ein Schwimmtraining simulieren. Je nach Seil, kann man mit mehr oder weniger Druck schwimmen“, berichtet der 60-Jährige. Ohne Wettkämpfe fällt es ihm dennoch nicht leicht, sich für das Training zu motivieren. „Es ist auf jeden Fall schwieriger als üblich, die Topform auch im Training zu bringen und den Kopf zu überwinden. Das Salz in der Suppe fehlt ein bisschen.“

Die meisten Veranstaltungen der Altersklassen-Nationalmannschaft wurden für dieses Jahr bereits abgesagt oder auf das kommende Jahr verschoben. Wann und ob es mit Wettbewerben wieder weitergehen kann, ist derzeit ungewiss. Für viele der älteren Athlet*innen sind damit Träume geplatzt. Ziele müssen verschoben werden, genauso wie Reisen und das Wiedersehen mit Freunden und Bekannten unten den Age Grouper*innen.

"Da ist aktuell schon ein bisschen Verzweiflung dabei"

Mit dieser Situation muss auch Lothar Stall zurechtkommen: „Ich gehe analytisch an die Sache ran und versuche, das Beste daraus zu machen“, sagt er. Doch leicht fällt ihm das nicht. „Man weiß ja nicht, ob es in diesem Jahr noch Wettkämpfe geben wird. Das beschäftigt mich schon“, sagt er. Fit halten will sich der 66-Jährige dennoch. Und das auf einem hohen Level. „Ich versuche das vernünftig zu machen. Die Intensität ist etwas weniger, aber der Umfang ist eigentlich so wie immer. Sollte es doch noch zu Wettkämpfen kommen, bin ich vorbereitet.“

Marianne Grünebach verfolgt einen anderen Ansatz. Sie trainiert aktuell eher weniger, als zuvor. Sie nutzt die wettbewerbsfreie Zeit, um ihrem Körper etwas Ruhe zu geben. „Ich gehe es zur Zeit etwas lockerer an, da ich langfristig Sport machen möchte“, sagt sie. „Ich hatte in letzter Zeit ein paar kleinere Wehwehchen. Es passt gerade gut, wenn ich nur jeden vierten oder fünften Tag laufen gehe. Und meinem Knie geht es dadurch tatsächlich besser. Trotzdem fühle ich mich insgesamt nicht weniger fit.“ Dazu trägt auch bei, dass sich Marianne durch Kampfkunst, Bogenschießen, Akrobatik und Tai Chi fit hält.

Bei Jörg Stehle nimmt das Triathlon-Training weiterhin einen sehr großen Teil seines Alltags ein. Der 65-Jährige ist Duathlon-Europameister über die Kurzdistanz in seiner Altersklasse. Auch er fühlt sich top fit. Dennoch gibt er zu: „Ich habe schon ein bisschen Angst.“ Dabei sorgt sich Stehle aber weniger um seine eigene Gesundheit, sondern um das Fehlen der sportlichen Wettkämpfe. „Als 65-Jähriger habe ich nicht mehr so viel Zeit, wie junge Athlet*innen. Ich weiß nicht, wie viele Saisons ich noch auf solch einem hohen Niveau habe“, sagt er. „Daher ist da aktuell schon ein bisschen Verzweiflung dabei. Aber natürlich ist das Meckern auf ganz hohem Niveau“, fügt er hinzu. Mit seinen Ängsten ist er aber nicht alleine.

"Ich habe mich entschieden, dass ich die Duathlon-EM einfach in Eigenregie durchführe"

Auch Inge Stettner machen die fehlenden Wettkämpfe zu schaffen. Seit 2007 reist die 72-Jährige durch Europa und die Welt - und zählt zu den erfolgreichsten Triathletinnen der DTU-Altersklassen-Nationalmannschaft. Im vergangenen Jahr war sie, mit Ausnahme des zweiten Platzes bei der Mitteldistanz-WM in Nizza, mit ihren Ergebnissen allerdings nicht zufrieden. In dieser Saison wollte sie eigentlich wieder angreifen. „Ich fühle mich schon unwohl, weil die ganzen Wettkämpfe abgesagt wurden. Das ist schade, denn ich bin aktuell top fit. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man schon älter ist.“

Von den fehlenden Wettkämpfen und der schwindenden Motivation lassen die Age Grouper*innen allerdings nicht unterkriegen. Im Gegenteil, sie versuchen der Situation mit besonderen Aktionen zu trotzen.

„Ich habe mich schon mit anderen Triathleten aus meinem Verein gebattelt“, berichtet Frank Bachinger. „Wir haben eine Rundfahrt und eine Laufstrecke ausgemacht. Jeder hat seine Strecke alleine zurückgelegt und danach haben wir unsere Zeiten verglichen. Solch einen virtuellen Wettkampf finde ich super.“ Auch Inge Stettner vergleicht ihre Zeiten bei internen Wettkämpfen mir ihrer Trainingsgruppe. „Das motiviert mich dann auch ein bisschen mehr“, sagt sie. Die 72-Jährige geht zudem noch einen Schritt weiter. Sie absolviert zu Hause ihre eigenen Wettkämpfe. „Ich habe mich entschieden, dass ich die Duathlon-EM, an der ich teilnehmen wollte, einfach in Eigenregie durchführe“, erzählt sie. „Und das habe ich dann auch gemacht. Vom Veranstalter habe ich sogar eine Finisher-Medaille erhalten.“ Auch Monika Körner Downes hat die EM zu Hause durchgeführt. „Es war eine ganz neue Erfahrung, die Spaß gemacht hat“, berichtet die 61-Jährige.

Positiv denken und sich nicht unterkriegen lassen

Am 18. Mai will Inge Stettner auch die Duathlon-WM für sich alleine absolvieren. So etwas kommt aber längst nicht für alle Age Grouper*innen in Frage.

„Ich mache Sport, weil ich mich gerne bewege. Natürlich trainiert man für Wettkämpfe gezielter. Aber auch ohne Wettkämpfe gehe ich gerne Schwimmen, Laufen und Radfahren“, findet Marianne Grünebach. Auch Lothar Stall glaubt, dass er bei Wettkämpfen für sich alleine „eher weniger Spaß haben“ würde. Jörg Stehle kann sich zwar vorstellen, mal einen Triathlon selbst zu absolvieren, „um diesen Wettkampfcharakter zu spüren“. Doch ihn freut besonders, dass aktuell so viele Menschen Sport treiben. Auch deswegen möchte er mit seinem Training weitermachen. „Da sehe ich mich als alter Sack in einer Vorbildfunktion“, sagt er lachend.

So schwierig die aktuelle Situation für die älteren Athlet*innen der Altersklassen-Nationalmannschaft ist, und so unterschiedlich sie damit umgehen, versuchen sie doch alle nach dem gleichen Motto zu leben: Positiv denken und sich nicht unterkriegen lassen.

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