Rudi kehrt nach einem Herzinfarkt zurück zum Triathlon

27.05.2020 11:46 von Thorsten Eisenhofer

An einem Sonntagabend Anfang Juni 2019 sitzt Rudi Höhn zu Hause auf der Couch. Er ist 150 km Rad gefahren und genießt den Sonntagabend. Er fühlt sich nicht gut. Er spürt ein Brennen in den Armen und hat Probleme beim Atmen. Ihm, der immer schon sportlich aktiv ist, ist klar: irgendetwas ist mit seinem Körper nicht in Ordnung. Er fährt in die Notfallpraxis. Dort heißt es, er habe Muskelkater und Sonnenbrand. Er bekommt ein Rezept für ein Schmerzmittel. Am Montagmorgen geht er zum Hausarzt, ein EKG wird gemacht, ein Termin beim Kardiologen für den darauf folgenden Freitag vereinbart.

Wegen der anhaltenden Atemnot vereinbart Rudi eigenständig einen Termin beim Lungenarzt für Mittwoch. Am Dienstagabend gibt er Indoorcycling-Training. Auf den anschließenden Lauf mit Vereinskollegen verzichtet er, weil er sich nicht so gut fühlt. Am Mittwochmorgen hat er dann den Termin bei einem Lungenfachmann. Der erkennt den Ernst der Lage: Herzinfarkt. Rudi wird mit einem Krankenwagen abgeholt. Rund 60 Stunden sind nach den ersten Anzeichen am Sonntagabend auf der Couch vergangen.

Rudi, der sich eigentlich ein paar Wochen später für die Ironman-WM auf Hawaii qualifizieren will, liegt nun auf einer Trage und sieht sein Leben an sich vorüberziehen. Im Alter von 60 Jahren. „Ich habe mich gefragt: Warum ich? Was habe ich falsch gemacht?“ Eine Antwort findet er in diesem Moment nicht. Er wird operiert, ihm wird ein Stent-Implantat gesetzt. Ein paar Tage später darf er die Klinik wieder verlassen.

Der Herzinfarkt ist nicht der einzige gesundheitliche Rückschlag von Rudi in den vergangenen Jahren. Er hat zwei schwere Lungenentzündungen, Probleme mit den Füßen und einen Skiunfall. „Ich habe“, sagt Rudi, „in den vergangenen Jahren alles mitgenommen, was möglich ist.“ Es fällt ihm, der immer fit, der immer gesund war, der ein Vorbild für andere ist, nicht leicht, über die gesundheitlichen Probleme der vergangenen Jahre zu sprechen. Er stockt immer wieder beim Erzählen, kämpft mit seinen Gefühlen und seinen Emotionen. Man merkt, wie nahe ihm das geht, wie sehr es ihn mitnimmt.

Rudi ist eigentlich ein Paradebeispiel par excellence für einen gesundheitsbewussten Menschen. Er treibt regelmäßig Sport, ist viel an der frischen Luft, ernährt sich gesund. Er war eigentlich das Gegenteil eines Herzinfarkt-Risikopatienten. Sondern ein Sportler durch und durch, dem Ärzte bescheinigten, dass sein biologisches Alter deutlich unter dem kalendarischen liegt. „Ich war lange Zeit unglaublich fit“, sagt Rudi. Es klingt ein bisschen so, als falle es ihm noch immer schwer zu begreifen, dass der Körper, dass sein Körper in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Aussetzer hatte.

Rudi kommt – Ironie der Geschichte – aufgrund eines körperlichen Problems und eines Arztes zum Ausdauersport. Er hat sich beim Skifahren, schon immer seine große Leidenschaft, an der Schulter verletzt. Ein Arzt rät ihm, schwimmen zu gehen. Zusätzlich geht er laufen und Radfahren mit Kumpels. Ein positiver Nebeneffekt: Durch das Ausdauertraining bekommt er seine Allergie in den Griff: „Ich musste nur viel Grundlage trainieren, schon ging es mir gut.“

Die Kumpels, mit denen er trainiert, nennen ihn „Trainingsweltmeister“, weil er intensiv trainiert, aber nicht an Wettkämpfen teilnimmt. Er lässt sich überreden und startet erstmals bei einem Triathlon. 1996 ist das. Es ist der Start in eine typische Hobby-Triathlon-Karriere. Die Distanzen sind erst kurz, werden dann immer länger. Irgendwann ist er auch auf der Langdistanz unterwegs, absolviert alle zwei Jahre ein Rennen über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen. 2005 verpasst er die Qualifikation für die Ironman-WM auf Hawaii nur um rund zehn Minuten.

Hawaii bleibt sein Sehnsuchtsziel. 2019 will er einen neuen Versuch unternehmen. Er meldet sich für den Ironman Frankfurt an. Rudi gehört zu den jüngsten Athleten der Altersklasse 60. Die Chancen stehen also gut. Doch ein paar Wochen vor dem großen Wettkampf bekommt Rudi den Herzinfarkt.

Er hätte aufgeben, sich seinem Schicksal ergeben können. Doch so tickt Rudi nicht. Das Wort Aufgeben existiert in seinem Wortschatz nicht. „Ich bin ein Stehaufmännchen. Ich gebe nicht auf. Auch wenn die vergangenen vier Jahre beschissen waren“, sagt er. Er versucht, sein Leben so weiterzuführen wie bisher. Mit dem Sport als Anker, als Fixpunkt. Denn Sport hat ihm immer geholfen, wenn es ihm mal nicht so gut geht. „Der Sport gibt mir viel. Ohne Sport wäre ich nicht mehr hier. Die Sensibilität für meinen Körper hat mir das Leben gerettet“, sagt Rudi. Schon in der Reha nach dem Herzinfarkt merkt der mittlerweile 61-Jährige, wie gut ihm der Sport tut. Seelisch und körperlich. Der Zustand seines Herzen hat sich deutlich verbessert.

Sein sportliches Comeback gibt er 2019 beim Fränkische-Schweiz-Marathon. Er finisht zum 20. Mal in Folge. Auch wenn er fast eine Stunde länger braucht als bei seiner Streckenbestzeit. Er hat sich eine persönliche Grenze für seinen Pulshöchstwert gesetzt: 145. Die überschreitet er nicht.


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