Jan Müller: Der Meister der kreativen Trainingsgestaltung

05.11.2020 13:40 von Thorsten Eisenhofer

Vor ein paar Wochen haben Jan Müller und seine Trainerkollegen am Wochenende einen internen Wettkampf für den Nachwuchs am Stützpunkt Neubrandenburg organisiert. Sie haben an den Tagen zuvor im Training die Schwimmzeiten abgenommen. Dann haben sie am Wochenende einen Parkplatz rund um ein Einkaufszentrum genutzt, um mithilfe der Gundersenmethode die beiden weiteren Disziplinen eines Triathlons durchzuführen. Am Ende gab es eine Siegerehrung mit kleinen Preisen.

Jan Müller kann einige umgesetzte Ideen für Wettkampfformate in wettkampfarmen Zeiten wie diesen aufzählen: Abteilungs-Crossläufe im Wald, einen Swim & Run an einem zehn Kilometer vom Stützpunkt entfernten See, einen Lauf auf einer dem Nachwuchs bekannten Strecke während des ersten Lockdowns, den jede*r Athlet*in selbstständig absolviert hat. „Man muss“, sagt Jan Müller, „den Kindern auch etwas bieten“.

Es sind Ideen wie diese, weshalb Leute, die Jan Müller gut kennen, ihm attestieren, dass er „kreative Ideen in die Trainingsgestaltung einbringt“. Jan Müller sagt, recht bescheiden: „Ich versuche, das Training für die Kinder so interessant wie möglich zu gestalten.“ Der 50-Jährige veranschaulicht das an einem Beispiel: Natürlich sei Laufen erst einmal Laufen, egal wie man es dreht und wendet. „Aber es gibt so viele Spielformen beim Laufen, mit denen man als Trainer*in die Kinder begeistern kann.“

Jan Müller ist – mit Unterbrechungen – seit 1994 in Neubrandenburg als Trainer aktiv. Er trainierte in den 90er Jahren unter anderem Anja Dittmer, viermalige Olympiateilnehmerin, Gesamt-Weltcupsiegerin und Europameisterin. Nach einer Phase, in der seine eigenen sportlichen Ziele im Vordergrund standen, kehrte er 2004 an den Stützpunkt zurück. Bis 2013 war er ehrenamtlicher Trainer, seit 2013 ist er hauptamtlicher Trainer mit dem Fokus auf den Bereich der Acht- bis Zwölfjährigen.

Ganz bescheiden spricht er davon, dass er auch einen Anteil daran hat, wenn ein*e Athlet*in später im Nachwuchs- oder noch später im Elitebereich Erfolge erzielt. Es ist ein Anteil, der nicht zu unterschätzen ist. Schließlich geht es in dem Altersbereich, den Jan Müller betreut, darum, Kinder für den Triathlon zu begeistern. Und das nicht nur einmal, am Anfang. Sondern fortlaufend über Jahre.

Er ist einer, der den Job nicht nur macht, weil er dafür Geld bekommt. Sondern auch, weil ihm der Job viel Spaß macht. Sehr viel. „Als Trainer muss man ein Idealist sein. Da kann man nicht nach Stechuhr arbeiten“, sagt Müller. Jan Müller, in diesem Jahr von der Deutschen Triathlon Union (DTU) als Nachwuchstrainer des Jahres ausgezeichnet, ist solch ein Idealist. Einer, der am Sonntag zehn Stunden Zeit damit verbringt, einen internen Wettkampf zu organisieren und sich anschließend noch zwei Stunden zu Hause hinsetzt, um die Ergebnisse aufzubereiten.

Er bekommt diesen Idealismus in Neubrandenburg vorgelebt von Frank Heimerdinger, der den Stützpunkt seit 1998 leitet und in Neubrandenburg längst eine Triathlon-Institution ist. Und sicherlich auch ein guter Lehrmeister. „Frank lebt den Sport“, sagt Müller. Das trifft allerdings auch auf Müller zu. Für ihn ist Sport, ist Triathlon, nicht bloß ein Sport. Sondern eine Leidenschaft, eine Herzensangelegenheit, ein Traumjob. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. „Früher habe ich mich über meine Erfolge gefreut. Heute freue ich mich über die Erfolge meiner Athlet*innen“, sagt er.

Jan Müller, 1970 geboren, hat die Anfänge des Triathlonsports miterlebt. Im West-Fernsehen sah der in der DDR aufgewachsene Müller 1982 eine der wohl legendärsten Szenen im Triathlon. Jenen Moment, als Julie Moos bei der Ironman-WM auf Hawaii in Führung liegend kurz vor dem Ziel dehydriert zusammenbrach und auf allen vieren als Zweitplatzierte ins Ziel kroch. „Ab diesem Zeitpunkt fand ich Triathlon total verrückt. Total geil. Mir war sofort klar: das willst du auch mal machen.“ Seine eigene sportliche Laufbahn begann 1990. 1996 qualifizierte er sich im zweiten Anlauf für die Ironman-Weltmeisterschaften auf Hawaii. „In Hawaii muss man als Triathlet einmal gewesen sein“, sagt Müller und fügt an: „Aber Wettkämpfe wie Roth habe ich immer als reizvoller empfunden.“

Jan Müllers Leben ist Triathlon, er lebt für Triathlon. Aber Triathlon bestimmt nicht sein komplettes Leben. Er hat auch andere Hobbys. Als Sound- und Lichttechniker unterstützt er, wenn es seine Freizeit in der Vor- oder Nachsaison erlaubt, Bands aus Neubrandenburg bei Auftritten in der näheren Umgebung, taucht für ein paar Stunden in eine ganz andere Welt ein. „Da komme ich dann oft spätnachts nach Hause“, erzählt Müller. Trotzdem steht er am nächsten Morgen um neun Uhr beim Radtraining an der Strecke.


Zurück