Caroline Pohle: Das Leben mit der Leichtigkeit

13.10.2020 14:49 von Thorsten Eisenhofer

Wenn Caroline Pohle in ein paar Jahren ihre Triathlonkarriere beendet, wird sie anschließend aller Voraussicht nach Grundschullehrerin. Das hat sie schon als Zehntklässlerin beschlossen. Sie sagt, für sie sei es eine Freude, mit Kindern zu arbeiten: „Ich finde es toll zu sehen, wie sie die Welt entdecken und zu kleinen Erwachsenen werden, wie sie für Dinge Begeisterung entfalten können.“ Man könnte auch sagen: Sie bewundert an Kindern, dass sie an viele Dinge so fasziniert und neugierig, und vor allem so unbedarft und locker herangehen.

Eine gewisse Unbedarftheit und Lockerheit hat sich auch Caroline Pohle, 25 Jahre alt, über ihre Kindheit hinaus bewahrt. Diese Unbedarftheit und Lockerheit sind in guten Zeiten große Stärken von ihr. Sie wird dann von einer Freude und einer Leichtigkeit durchs Leben (und natürlich auch durch den Sport, der ja ein Mittelpunkt ihres Lebens ist) getragen. Die Freude und Leichtigkeit umgeben sie dann wie eine Schutzhülle. „Für mich ist es wichtig, auf mein Gefühl und mein Herz zu hören und zu vertrauen. Ich muss mein Ding durchzuziehen, darf mich nicht von außen zu sehr beeinflussen lassen“, sagt sie.

Wenn ihr das gelingt, dann läuft es. So wie in den Jahren 2016 bis 2019. Da schulte sie von der Schwimmerin, die es zu öde fand, weiterhin Tag ein, Tag aus, nur Kacheln im Schwimmbecken zu zählen, zur Triathletin um. Zur erfolgreichen Triathletin. Die Quereinsteigerin arbeitete sich über die Zweite Bundesliga und die 1. Bitburger 0,0% Triathlon-Bundesliga sowie Europacups bis in den Weltcup und sogar die World Triathlon Series (WTS) nach oben. Plötzlich hatte sie ganz viele Möglichkeiten. Die Leute sprachen sogar davon, dass sie eine realistische Chance habe, sich für die Olympischen Spiele, die damals, also vor der Corona-Pandemie, ja noch für 2020 angedacht waren, zu qualifizieren.

Unter dem Radar

Caro Pohle konnten in diesen Jahren ihre Trümpfe Lockerheit und Freude wunderbar ausspielen. Sie wurde immer besser. Aber so wirklich viele Leute außerhalb ihres Umfeldes nahmen das gar nicht wahr. „Ich bin quasi unter dem Radar geflogen“, sagt die Leipzigerin.

Dann kam 2019 – und die ersten richtig großen internationalen Erfolge: Sie debütierte in Hamburg in der WTS, gewann mit dem deutschen Team die Silbermedaille bei den Europameisterschaften im Mixed Relay, stand in Karlovy Vary als Dritte erstmals auf dem Podium bei einem Weltcup-Wettbewerb. Und wer national zu den erfolgreichsten Athletinnen des Jahres gehört, der wird ganz automatisch zu den Kandidatinnen für ein Olympiaticket, das im Mai 2020 vergeben werden sollte, gezählt. Und wer (plötzlich) für ein Olympiaticket in Frage kommt, der kann nicht weiterhin einfach unter dem Radar fliegen. Auch wenn er das gerne möchte.

Dieses Auftauchen in der öffentlichen Wahrnehmung war der Punkt, an dem Pohle Lockerheit und Freude ein bisschen abhanden kamen. „Ich habe mich sehr schnell entwickelt, habe in kurzer Zeit einen riesen Sprung gemacht. Es war nicht leicht, psychisch damit zurechtzukommen“, sagt sie. Pohle ist niemand, der gerne im Mittelpunkt steht. Natürlich hat sie das öffentliche Interesse, die Anerkennung auch ein Stück weit genossen. Aber aus diesem öffentlichen Interesse ist auch ein Druck gewachsen. Weniger von außen, mehr aus ihr selbst heraus: „Ich hatte Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden.“

Und so ist es nicht verwunderlich, dass 2020 nicht ihr Jahr geworden ist. Das lag natürlich an dem Jahr an sich, in dem coronabedingt kaum Wettkämpfe stattfanden und es somit auch kaum Chancen gab, um zu zeigen, was man drauf hat. Das lag an einer Veränderung in ihrem sportlichen Umfeld zu einem, aus Pohles Sicht, ungünstigen Zeitpunkt. Das lag aber eben auch an ihr selbst, beziehungsweise ihrem Ringen mit sich und der Suche nach der verlorenen Lockerheit.

Pohle hat 2020 als „Lehrjahr“ abgehakt. Sie redet erstaunlich abgeklärt darüber und ist sich sicher, dass sie wieder zu Freude und Leichtigkeit zurückfindet: „Ich musste mir wieder bewusst machen, warum ich mit Triathlon angefangen habe: Aus Spaß am Sport, aus Spaß an der Bewegung, aus Spaß daran, viel in der Natur sein zu können.“

Andere hätten in ihrer Situation sicherlich mit dem Leistungssport aufgehört, hätten lieber noch ein paar Jahre ihrer Jugend oder jungen Erwachsenenzeit genossen. Caroline Pohle kann sich ein Leben ohne Leistungssport jedoch nicht vorstellen. „Ohne Leistungssport würde mir etwas fehlen. Ich wollte diese coole Lebenseinstellung weiterführen“, sagt sie. Die Freude am Leistungssportler-Leben kommt wohl auch daher, dass sie in jungen Jahren durch den Leistungssport geprägt worden ist. Ihr Vater, Teilnehmer an Leichtathletik-Welt- und –Europameisterschaften, und auch weitere Verwandte haben ihr das quasi vorgelebt. „Sport stand bei uns zu Hause immer an erster Stelle“, sagt sie. Schon als kleines Mädchen habe ihr Vater regelmäßig mit ihr geübt. Es ist davon auszugehen, dass Caro Pohle damals als kleines Mädchen mit Faszination und Neugierde, und vor allem mit Unbedarftheit und Lockerheit an die Sache herangegangen ist.


Zurück