Die Suche nach dem nächsten Jan Frodeno

08.10.2020 09:13 von Jonas Klee

Es ist ein heißer Tag in Frankfurt am Main. Tim rutscht auf seinem Stuhl herum. Seine Hände liegen auf dem Tisch und hinterlassen ein paar Schweißperlen. Der 17-Jährige wurde zum Talent-Transfer-Sichtungstag der Deutschen Triathlon Union (DTU) eingeladen – so wie 17 andere junge Athlet*innen, die sich vorstellen können, von ihrer aktuellen Sportart zum Triathlon zu wechseln.

Eigentlich spielt Tim Rugby. Seit drei Jahren betreibt er den Sport professionell. Und das sieht man auch: 1,80 Meter groß, breite Schultern und durchtrainierte Beine. Doch seit sein Team aufgelöst wurde, ist er auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Schon als Jugendlicher war er im Schwimmverein, Laufen und Radfahren gehören zu seinen Hobbies. Als er zufällig die Triathletin Laura Philipp, ehemalige Deutsche Meisterin auf der Mitteldistanz, kennenlernt und regelmäßig mit ihr Rennrad fährt, beschließt er, dass er Triathlet werden möchte.

So wie Tim kommen auch die anderen Bewerber*innen für das Talent-Transfer-Programm aus anderen Sportarten: Kanuslalom, Fußball, Schwimmen, Leichtathletik und auch ein Handballer ist dabei. Die vielversprechendsten Talente hat Steffen Justus, DTU Bundestrainer Sichtung zu einem Sichtungstag eingeladen. Gemeinsam mit Tom Kosmehl, DTU Bundestrainer Para Triathlon, Jörg Bügner, DTU Sportdirektor, Dennis Sandig, DTU Referent für Aus- und Fortbildung und Nils Arnecke, DTU Leistungssportreferent, macht sich Justus ein Bild von den 18 Talenten.

Bei der Begrüßung sitzt er mit seinen Schützlingen in einem Seminarraum. Zu Beginn zeigt er ihnen einen Videoclip über Jan Frodeno aus dem Jahr 2012. Es zeigt den Olympiasieger und dreifachen Sieger des Ironman Hawaii beim Training. Frodeno sagt dabei Sätze wie: „Triathlet zu sein, ist ein derart brutaler Job, dass du wirklich leben musst, was du tust. Sonst kommst du nie an die Spitze.“ Für Frodeno galt dieses Credo umso mehr, schließlich kam er erst mit 19 Jahren zum Triathlon. Bis dahin war er Rettungsschwimmer. Dann setzte er sich das Ziel

„Der Wechsel zum Triathlon und an die Spitze des Sports ist sehr hart. Aber Jans Geschichte zeigt: Es ist möglich. Und so einen erfolgreichen Weg noch einmal zu schaffen, ist auch das Ziel dieses Programms“, erklärt Justus den Talenten. Stille. Bevor es für die kommenden Triathlet*innen auf die Laufbahn geht, braucht es keine extra Motivation mehr.

Das Talent-Transfer-Programm der DTU findet zum zweiten Mal statt. „Wir wollen weg von der Denkweise: Erfolgreiche Triathleten müssen schon früh mit dem Triathlon anfangen. Dass es auch anders gehen kann, haben schon viele Triathlet*innen bewiesen.“ Das Ziel des Programms ist daher, potentielle Quereinsteiger im Alter von 16 bis 22 Jahren für den Triathlon zu finden und weiterzuentwickeln. Ob die Athlet*innen vorher schon mal einen Triathlon absolviert haben, spielt keine Rolle. Vielmehr geht es um Talent, grundsätzliche Trainings- und Wettkampferfahrung und Entwicklungspotenzial.

Am Sichtungstag steht zunächst der Lauftest an. Dafür geht es auf eine nahegelegene Laufbahn. Die Talente machen sich im Schatten warm. Manche gehen ihre Warm-up-Routine durch, andere bereiten sich in kleinen Gruppen vor. „Nervös bin ich gar nicht“, sagt Tim. Tatsächlich wirken alle Teilnehmer*innen zwar fokussiert, aber nicht angespannt. Auf dem Programm stehen erst 100 Meter, dann 1500 Meter. Nacheinander laufen die Athlet*innen die 100 Meter. Beim 1500-Meter-starten alle gemeinsam. Angefeuert von lauten „Weiter so“- oder „Zieh durch jetzt“-Rufen geben alle ihr bestes.

Für Tim ist es nicht besonders gut gelaufen. Die 100 Meter läuft er zwar in 13,6 Sekunden, persönliche Bestzeit. Doch damit liegt er hinter den meisten anderen Teilnehmer*innen. Bei den 1500 Metern hat er mit einer Fußverletzung zu kämpfen und kommt als Letzter ins Ziel. Seine gute Laune hat Tim jedoch nicht verloren. Schließlich steht am Nachmittag noch das Schwimmen an.

Deutlich besser lief es bei Loris. Der Fußballer läuft die 100 Meter in 12,15 Sekunden und auch auf den 1500 Metern ist er mit 4:26 Minuten zufrieden. „Mein Vater hat früher Triathlon gemacht. Daher hatte ich schon als Kind viele Berührungspunkte mit der Sportart. Vor allem das Radfahren macht mir großen Spaß und ich mache gerne auch längere Touren“, erzählt der Sportstudent. Sorgen bereitet ihm allerdings das Schwimmen: „Da habe ich mit Sicherheit noch Nachholdbedarf“, erzählt er schmunzelnd. Die Förderung in diesem Bereich ist jedoch genau das, was er sich von dem Programm erhofft.

Ungefähr ein Drittel der Teilnehmer*innen der beiden Sichtungstage wird es in die nächste Runde schaffen. Nach der ersten Phase, der „Talentrekrutierung“, werden sechs bis acht der jungen Talente zu einem weiteren Sichtungscamp an den Bundesstützpunkt in Potsdam eingeladen. Dabei stehen komplexere Tests an, wie zum Beispiel ein Peak-Power-Test, der unter anderem die maximale Sprintfähigkeit auf dem Rennrad ermittelt, oder ein 200 Meter Wasser-Komplex-Test, der die koordinativen Schwimm-Fähigkeiten der Talente überprüft. Zuvor erhalten die Athlet*innen während der „Talentimplementierung“ rund sechs Wochen Zeit, um sich an den Triathlon und das spezifische Training zu gewöhnen. „Außerdem können wir so gut feststellen, welche Fortschritte die Talente in wenigen Wochen erzielen können“, sagt Justus.

Auch Charlotte nimmt am Talent-Transfer-Programm teil. Sie ist groß, schlank und betreibt seit zehn Jahren Leistungsschwimmen. „Wenn man da merkt, es geht nicht mehr weiter, ist der Triathlon relativ naheliegend. Auch, weil ich Ausdauersportarten sehr mag“, erzählt sie. Ganz egal wie der Sichtungstag für sie ausgeht, sie will auf jeden Fall beim Triathlon bleiben.

Für die Athlet*innen, die nach dem Sichtungstag auch beim Sichtungscamp ihr Talent nachweisen können, stehen zwei weitere Phasen an. Während der „Talentbestätigung“ werden die Quereinsteiger*innen über mehrere Monate betreut. Neben intensivem Coaching gehört auch die Leistungsdiagnostik dazu. Die letzte Phase ist die „Talententwicklung“. Rund ein halbes Jahr bereiten sich die Talente mit wettkampfspezifischem Training auf erste Entwicklungswettkämpfe vor, zum Beispiel Junioren-Europacups oder Rennen der 2. Triathlon-Bundesliga. Im Optimalfall sind die Athlet*innen bei dem erfolgreichen Durchlaufen des Programms danach Kandidaten für den DTU-Ergänzungskader.

In Frankfurt geht es für die Talente nach einer Mittagspause ins Wasser. Zunächst stehen 50 Meter Schwimmen auf dem Programm, anschließend 400 Meter. „Es geht uns dabei nicht so sehr um die Zeiten. Wichtiger sind uns die Technik und ob die Teilnehmer*innen ein gewisses Körpergefühl im Wasser haben“, erklärt Justus.

So richtig zufrieden sind Tim, Loris und Charlotte mit ihren Leistungen beim Schwimmen nicht. Ob es für sie beim Talent-Transfer-Programm weitergeht, erfahren sie erst in ein paar Tagen. Für sie geht es nun wieder nach Hause.

Steffen Justus zieht nach den beiden Sichtungstagen auf jeden Fall ein positives Fazit: „Es hat alles gut geklappt und das Niveau einiger Sportler*innen war sehr vielversprechend. Besonders gefallen hat mir, dass sich alle Talente gegenseitig unterstützt haben und als Gruppe zusammengewachsen sind.“ Ob tatsächlich der nächste Jan Frodeno unter den Teilnehmer*innen war, wird sich noch zeigen. „Frag in einem Jahr noch mal nach“, sagt Steffen Justus lachend.


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