Fast am Drogenkonsum gestorben, nun Hawaii im Kopf

28.10.2020 14:49 von Thorsten Eisenhofer

Als Daniel Busch beim Ironman Frankfurt 2019 auf der Laufstrecke am Mainufer unterwegs war, war das für ihn nicht nur ein Marathonlauf am Ende eines Langdistanzrennens. Für Daniel Busch waren die abschließenden 42,195 Kilometer auch ein Lauf in seine Vergangenheit. Ein Flashback. „Ich habe das alles so intensiv wahrgenommen“, sagt der heute 37-Jährige: „Ich bin an Strecken vorbei gekommen, an denen ich früher im Dreck gelegen habe.“

Früher, das war rund eineinhalb Jahrzehnte zuvor. Da hatte Daniel Busch viel Zeit in Frankfurt und auch am Mainufer verbracht. Allerdings nicht als Sportler. Sondern als Drogenabhängiger. Sein Leben bestand nicht aus Schwimmen, Radfahren und Laufen, sondern aus einem anderen Dreikampf: Drogen besorgen, Drogen weiterverticken, Drogen konsumieren. Beinahe hätte dieses Leben zu einem frühen Ende seines Lebens geführt.

Normale Kindheit auf dem Dorf

Daniel wuchs als Mittelschichtkind in einem Dorf in Hessen auf, ging aufs Gymnasium, begann eine Ausbildung. Eine ganz normale Kindheit und Jugendzeit, bis auf den einen oder anderen Alkoholrausch. Nichts deutete darauf hin, dass Daniels Leben ein paar Monate später nicht mehr normal sein sollte.

Er begann mit leichten Drogen, es folgten härtere, ganz harte. Innerhalb von Monaten war nichts mehr in Daniels Leben wie zuvor. Das Beschaffen der Drogen kostete Geld, mehr als er in der Ausbildung verdiente. Also begann er mit Dealen, um sich seinen Drogenkonsum zu finanzieren. Mehrmals wurde er festgenommen. Das änderte nichts, weil er nichts ändern wollte. „Ich wollte zu dem Zeitpunkt gar nicht weg von den Drogen“, sagt Daniel: „Ich war noch nicht tief genug gefallen, hatte noch Geld, eine Wohnung, Essen und Freunde.“

„Ein Jahr ging es nur bergab“

Ihm fehlte eine Perspektive, Hobbies, das, was man unter einem normalen Leben versteht. „Ich wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll“, sagt Daniel. Zwischenzeitlich schaffte er es trotzdem, für zwei Jahren clean zu bleiben. Er holte sein Abitur nach, schien auf einem guten Weg. Dann wurde er rückfällig und stürzte ab. So richtig. „Ein Jahr lang ging es nur bergab“, sagt Daniel. Er erreichte seinen persönlichen Tiefpunkt.

Hätte er damals nach rund einem Jahr es nicht irgendwie geschafft, die Reset-Taste zu drücken, wer weiß, ob er heute noch Leben würde. Vermutlich nicht.

Perspektive in der Therapie

„Ich habe mir damals gesagt: Bevor du drauf gehst, versuchst du es.“ Drei Wochen machte er eine Entgiftung. Über eine Übergangstherapie kam er in eine Langzeittherapie. Daniel wog rund 130 Kilogramm, auch aufgebläht durch die Medikamente. Sein Therapeut erzählte ihm die Geschichte von Andreas Niedrig („Vom Junkie zum Ironman“). Der Therapeut glaubte weniger daran, dass Daniel dies auch schaffen könnte. Er wollte ihm, dem die Perspektive im Leben fehlte, aufzeigen, wie hilfreich solch eine Perspektive für den Weg aus dem Drogensumpf sein kann.

Doch Daniel dachte nicht darüber nach, welche (andere) Perspektive für ihn in Frage kommt. Daniel, übergewichtig, Raucher und bis vor kurzem noch drogenabhängig, also alles in allem alles andere als der Vorzeigesportler, dachte darüber nach, warum er es nicht auch vom Junkie zum Ironman schaffen sollte. „Ich hatte von diesem Tag an den Wandel von Andreas Niedrig im Hinterkopf“, sagt Daniel: „Auch wenn ich nicht schwimmen konnte und kein Rennrad besaß.“

Doch die Realität sah erst einmal anders aus. Ganz anders. Dreimal die Woche sollte er laufen, um abzunehmen. Doch Daniel wollte nicht laufen, suchte nach Ausreden. „Ich habe das Laufen anfangs gehasst, habe gelogen, um bloß nicht laufen zu müssen“, sagt Daniel. Doch die Therapeuten durchschauten seine Tricks. Trotzdem dauerte es Monate, bis er merkte, dass das Laufen seinem Körper und seiner Seele gut tut.

Über Laufwettkämpfe zum Triathlon

Aber es war ein erster Schritt. Ein erster Schritt zu einem besseren Leben und ein erster Schritt auf dem Weg zum Triathleten. Er nahm an ersten Laufwettkämpfen teil, die Strecken wurden mit der Zeit immer länger, bis hin zum Marathon.

Ein Kumpel überredete ihn, ein Rennrad zu kaufen. Er kaufte eines, gebraucht für 1.000 Euro. Er brachte sich mithilfe von Internetvideos Schwimmen bei, startete bei ersten Triathlonwettbewerben. Der Kumpel, der ihn zum Kauf des ersten Rennrads ermuntert hatte, ermunterte ihn Anfang 2017, die erste Langdistanz anzugehen. 2017 finishte Daniel den DATEV Challenge Roth. „Es war ein überwältigendes Gefühl“, sagt er. 2019 in Frankfurt hatte Daniel dann zum ersten Mal die Hawaii-Qualifikation im Kopf – und scheiterte. 2021 will er in Hamburg einen weiteren Versuch wagen. Hawaii ist sein Traumziel.

Es wäre ihm zu wünschen. Doch was viel wertvoller ist, ist der Weg, den er bislang gegangen ist. Daniel sagt, er sei sehr zufrieden mit dem, was er erreicht hat. „Natürlich frage ich mich manchmal, wo ich heute stehen würde, wenn es die Zeit mit den Drogen nicht gegeben hätte. Aber ich bin auch stolz. Stolz auf meinen Weg in den vergangenen Jahren und die Erfahrung, die ich gesammelt habe.“ Diese Erfahrung gibt er heute weiter. Als Therapeut. In der Einrichtung, in der er damals den Weg zurück in ein normales Leben und dank eines motivierten Therapeuten auch in den Sport fand. Er hilft nun anderen, dort, wo ihm so entscheidend geholfen wurde.

Verletzungen oder Krankheiten haben dich erst recht angespornt, weiter aktiv zu sein? Du hast viel durchgemacht, aber der Triathlon hat dir immer Halt gegeben? Du hast eine spannende Geschichte, wie du zum Triathlon gekommen bist? Deine Geschichte sollten wir unbedingt kennen? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.


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