Paul Schuster: Das Warten auf den großen Wurf

23.10.2020 11:30 von Thorsten Eisenhofer

Wenn man mit Paul Schuster über seine Ziele im Triathlon spricht, dann erzählt er recht schnell von seiner To-Do-Liste. Auf dieser To-Do-Liste steht derzeit zum Beispiel die Qualifikation für die Ironman-Weltmeisterschaften in Hawaii. Oder der Sieg bei einem Langdistanzrennen. Es sind Ziele, von denen er in den vergangenen Jahren nicht mehr allzu weit entfernt war. Aber es sind eben auch Ziele, die er noch nicht erreicht hat. Ansonsten würden sie ja auch nicht (mehr) auf seiner To-Do-Liste stehen.

Im Vorjahr hatte der Hesse, der aus der Nähe von Darmstadt stammt, seine bisher erfolgreichste Saison. Er hat sich in Hamburg den Titel des DTU Deutschen Meisters auf der Langdistanz gesichert. Bei einem gut besetzten Ironman in Mexiko belegte er Rang fünf. Dazu kamen Podestplätze bei Wettbewerben über die Mitteldistanz. Es waren Erfolge, an die er anknüpfen wollte. Im Februar dieses Jahres, nach einem Trainingslager auf Lanzarote, unter anderem mit Patrick Lange, war er sich sicher: 2020 würde 2019 toppen.

2020: Ein Jahr in der Warteschleife

Dann kam die Corona-Pandemie. Und nun, rund acht Monate später, hat er quasi ein Jahr in der Warteschleife verbracht. Anstatt bereits im ausgehenden Winter bei einem Rennen in den USA die Hawaii-Qualifikation anzugehen, bestand seine Saison nun aus Wettkämpfen wie den hessischen Meisterschaften über die Mitteldistanz oder einem 11-Kilometer-Lauf in seinem Heimatort Traisa.

Alles Dinge, die man mal machen kann. Aber eben alles auch Dinge, die einen nur bedingt weiterbringen, wenn das Ziel ein großes ist. Wenn man anstrebt, in Hawaii mit den besten Athleten der Welt an den Start zu gehen.

Man merkt im Gespräch mit Paul Schuster schnell: Für jemanden wie Paul Schuster ist Triathlon mehr als nur ein Sport. Er ist jemand, der sich Gedanken macht - nicht nur über sich und seine Karriere. sondern auch über andere und deren Karriere. Er ist jemand, den es schmerzt, dass er im Vorjahr beim Ironman Frankfurt ausgestiegen ist, um sich für Hamburg zu schonen – das ist eigentlich nicht seine Art, Triathlon zu leben. Und er ist jemand, den es beschäftigt, dass Kollegen in diesem Jahr aufgrund der Coronakrise Sponsoren verloren haben.

Die klassische Entwicklung eines Langdistanz-Athleten

Paul Schuster hat die klassische Entwicklung eines Langdistanz-Athleten hinter sich. Mit etwa 15 Jahren schloss er sich dem TuS Griesheim an. Es war der Punkt, an dem er sich langsam vom Hobbysportler zum Leistungssportler wandelte. Er startete erst in der Zweiten Bundesliga, dann in der Bundesliga, dann im Europacup. Doch um bei Europacup-Rennen gute Platzierungen zu erreichen, ist er zu langsam geschwommen. Nur ein bisschen zwar. Aber dieses bisschen reichte, um auf den kurzen Distanzen dem nächsten Karriereschritt im Weg zu stehen: der Aufnahme in den Bundeskader oder der Möglichkeit, im Weltcup zu starten.

Die kleinen Defizite im Schwimmen kommen vielleicht daher, dass er erst im späten Jugendalter wirklich leistungsorientiert zu trainieren begann. Paul Schuster sagt aber auch, dass eine frühere Orientierung zum Leistungssport sicherlich kein Freifahrschein für eine erfolgreich(er)e Kurzdistanz-Karriere gewesen wäre.

Die sich Jahr für Jahr abzeichnende Entwicklung hin zu den längeren Strecken war ein schleichender Prozess. Ein schleichender Prozess, der in den Jahren, als er noch voll auf die kurzen Distanzen fokussiert war, begann. Und der weiterging, als es schon gar nicht mehr sein Ziel war, die Kadernorm zu schaffen. Der Prozess endete mit seinen ersten Rennen auf der Mitteldistanz im Jahr 2015. „Ich habe schnell gesehen, dass ich auf der Mitteldistanz stärker bin“, sagt Schuster. Diese Stärke, die nötige Härte, die Fähigkeiten, solche Wettkämpfe zu gestalten, die hat er sich nicht nur bei seinen internationalen Starts im Europacup geholt, sondern auch in den Wettbewerben der 1. Bitburger 0,0% Triathlon-Bundesliga. „Die Rennen der Triathlon-Bundesliga haben einen großen Einfluss auf meinen Werdegang und auf den Athleten, der ich jetzt bin“, sagt Schuster und fügt an: „Man lernt in der Bundesliga so viel.“

Eine Karriere, zwei Sichtweisen

Seit seinem ersten Wettbewerb auf der Mitteldistanz in St. Pölten 2015 hat er sich auf den langen Distanzen stetig weiterentwickelt. Er belegt mittlerweile auf den längeren Strecken verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk dritte Ränge und Plätze direkt hinter dem Podium. Was bislang fehlt, ist der große Wurf, der Ausreißer nach oben.

So gibt es, stand jetzt, zwei Sichtweisen auf seine Karriere. Die eine Sichtweise besagt, dass im Sport eigentlich nur Siege zählen. Und ihm fehlt noch ein Sieg in einem großen Rennen. Paul Schuster sagt, dass das die Sicht von außen auf seine Karriere ist.

Die andere Sichtweise besagt, dass er sehr konstante Ergebnisse in großen Rennen erzielt: Dritter, Vierter, Fünfter, Sechster. Und dass man auf solch eine Konstanz durchaus sehr stolz sein kann. Paul Schuster sagt, es ist seine Sicht auf seine Karriere.

Er versprüht eine gewisse Gelassenheit, sagt, den noch fehlenden Ausreißer nach oben traue er sich in den kommenden Jahren zu. Paul Schuster ist erst 32 Jahre alt. Statistisch gesehen beginnen seine besten Jahre auf der Langdistanz nun erst. „Es fühlt sich nicht an, als sei die Sanduhr bald abgelaufen. Im Gegenteil: Ich habe meine Leistungsgrenze noch nicht erreicht, noch Potential, dass es auszuschöpfen gilt.“ So gesehen, sind ein Sieg in einem Langdistanzrennen und die Hawaii-Qualifikation wohl nur noch eine Frage der Zeit.


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