Jonas Breinlinger, der Aufsteiger

23.09.2020 08:22 von Thorsten Eisenhofer

Als Jonas Breinlinger beim Weltcup in Karlovy Vary (Tschechien) Mitte September die zweite Wechselzone flotten Schrittes verließ, führte er das Rennen an. Ein paar Meter hinter ihm folgten die Männer, die die zweite Wechselzone zusammen mit dem Saarbrücker auf dem Rad erreicht hatten: Vincent Luis (Frankreich) und Vasco Vilaca (Portugal). Man muss wissen: Vincent Luis ist Weltmeister, Vasco Vilaca ist Vize-Weltmeister. Nach ein paar Hundert Metern ließ der 25-Jährige die beiden derzeit wohl besten Kurzdistanz-Athleten ziehen. Trotzdem konnte er später sagen: „Bei so einem Rennen vorneweg zu laufen, war schon sehr cool und einmalig. Ein besonderer Moment.“ Ein Moment, den ihm keiner mehr nehmen kann.

Er ließ Luis und Vilaca laufen („Es ging mir nicht darum, möglichst lange mitzuhalten, sondern ich wollte etwas Zählbares erreichen und mich damit für mein Rennen belohnen“), im weiteren Rennverlauf überholte ihn noch der eine oder andere Athlet. Am Ende belegte Jonas Breinlinger in Karlovy Vary Rang acht. Zusammen mit Platz acht beim Weltcup in Antwerpen im Vorjahr sein bisher bestes Ergebnis in einem Weltcup-Rennen. Wobei das Ergebnis aus Karlovy Vary höher einstufen ist. Die Konkurrenz war deutlich stärker. „Es war mein bisher größter Erfolg auf der Weltcup-Ebene“, sagt Jonas.

Es ist ein Satz, der Jonas Breinlinger erst durch Nachfragen zu entlocken ist. Was zeigt: Jonas Breinlinger ist ein bescheidener junger Mann. Was sicherlich auch daran liegt, dass er zusammen mit drei Brüdern aufgewachsen ist, übrigens alle auch Triathleten. Er ist Athletensprecher, er ist einer, der sich für andere einsetzt, der eine Meinung hat. Er ist kein Leisetreter, keiner der seine Meinung nicht kundtun. Aber er ist eben eher das Gegenteil eines Großmauls, keiner der sich öffentlich über Gebühr für seine Leistung feiert.

Er sagt dann lieber Sätze wie: „Mit den Weltbesten auf dem Rad in einer Gruppe zu fahren, ist etwas Cooles, etwas für das es sich zu trainieren lohnt.“ Oder: „Es macht Bock dabei zu sein, wo es abgeht.“ Das ist ein Gefühl, das er bisher eigentlich nur von Continental-Cup-Rennen kannte. Doch das, das ist zumindest eine Tendenz dieses sportlich schwer einzuordnenden Jahres, scheint sich langsam zu ändern: Rang zwei in einem Afrika-Cup-Rennen im Februar, Platz 28 bei der WM in Hamburg in einem starken Feld, nun Position acht beim Weltcup in Karlovy Vary.

„Es hat sich keine wirkliche Steigerung mehr eingestellt“

Jonas Breinlingers Karriere ist vor diesem Jahr so ein bisschen ins Stocken geraten. Er war auf einem recht hohen Niveau, war in der Lage, Continental-Cup-Rennen zu gewinnen (wie 2019 in Yasmine), im Weltcup bei optimalen Rennverlauf Top-Ten-Ergebnisse zu erreichen und in Rennen der World Triathlon Series (WTS) zu starten. Aber der nächste Schritt in Richtung Weltspitze, mal ein richtig gutes Ergebnis gegen richtig gute Konkurrenz zu erreichen, wollte ihm nicht so recht gelingen. „Es hat sich keine wirkliche Steigerung mehr eingestellt“, sagt Jonas.

2020 hat dem Vize-Europameister im Mixed Relay nun gezeigt, dass sich diese Leistungssteigerungen irgendwann einstellen, wenn man weiterhin hart trainiert und an seinen Schwächen, bei Jonas das Laufen, arbeitet. „Ich nehme aus diesem Jahr mit, dass es sich lohnt am Ball zu bleiben.“ Aber er weiß auch, dass er sich auf dem Erreichten, diesen kleinen Erfolgen, nicht ausruhen darf. Sondern weiter dran bleiben, an seinen Schwächen arbeiten und seine Stärken weiter ausbauen muss. „Es geht immer noch etwas, ich habe noch nie ein perfektes Rennen erlebt“, sagt Jonas.

In einigen Wochen (einen Weltcup im Oktober möchte er noch absolvieren) wird Jonas Breinlinger vermutlich auf ein Jahr zurückschauen, in dem er gerne mehr Wettkämpfe absolviert hätte. Er wird aber auch auf ein Jahr zurückschauen, in dem es für ihn gar nicht so schlecht war, dass nicht so viele Wettkämpfe stattgefunden haben. Und dadurch – vor allem im Sommer – die Möglichkeit war, mal lange Zeit an einem Stück durchzutrainieren. Denn diese Zeit, so erzählt er, konnte er nutzen, um an Stärken und Schwächen zu arbeiten. In Ruhe.

Platz 28 bei einer WM ist für Jonas Breinlinger kein schlechtes Ergebnis. Es hätte aber noch deutlich besser ausfallen können. Breinlinger kam als einer der ersten Athleten aus dem Wasser. Mit einem nicht optimalen Wechsel verpasste er die erste Radgruppe knapp. Die Woche zwischen Hamburg und Karlovy Vary hat er dann speziell Wechsel trainiert. Mit dem Ergebnis, in Karlovy Vary als erster Athlet auf die Laufstrecke gegangen zu sein. Manchmal sind es eben auch Kleinigkeiten, die zeigen, dass es bergauf geht.

Zeigt er auch im kommenden Jahr solche Leistungen wie zuletzt, sind seine Chancen auf jeden Fall gestiegen, sich im Frühjahr 2021 im internen Qualifikations-Wettkampf für die Olympischen Spiele ein Ticket für Tokio zu sichern. Wenn er auch sicherlich nicht der Favorit dafür ist. „Die Chance ist da“, sagt Jonas Breinlinger. Und die Chance ist vermutlich sogar größer, als die Chance mit Vincent Luis mitzuhalten, wenn man mit dem Weltmeister gemeinsam auf die Laufstrecke geht.


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