Triathlon als spätes Glück - 37 Jahre ohne Sport

Ferdinand Karnath (68) konnte fast vier Jahrzehnte keinen Sport treiben. Vier Jahrzehnte, in denen kein Arzt die Ursache seiner Probleme fand. Nun blüht er mit Ende 60 im Triathlon richtig auf.

Ferdinand Karath
Ich konnte nach dem Unfall noch 400 Meter joggen
Ferdinand Karnath

Ich war 29, jung, hatte Träume und Ziele. Ich war Polizist, sportlich, bin gerne gejoggt und Rad gefahren, habe Polizei-Dreikampf, der aus Schießen bzw. Radfahren, Schwimmen und Laufen besteht, gemacht. Dann kam im Februar 1982 jener Tag, der mein Leben verändert sollte. Ich hatte Streifendienst und stand mit meinem Wagen an einer Kreuzung. Vor mir drei Autos. Von hinten kam ein Lieferwagen angerauscht. Der Fahrer schaute nach rechts auf die jungen Frauen, die gerade die Friseurschule verließen, anstatt auf die Straße. Der Lieferwagen knallte fast ungebremst auf meinen Wagen und schob diesen sowie die Autos davor in die Kreuzung.

Autos schützten den*die Fahrer*in damals noch deutlich schlechter gegen Unfälle. Es gab zum Beispiel keine Nackenstütze, der Gurt war rudimentärer als heutzutage. Beim Aufprall hat es mir drei Bandscheiben im Lendenwirbelbereich rausgehauen und ich habe mir den Nacken überstreckt.

Ich war jung. Ich hatte Träume. Ich hatte Ziele. Eigentlich. Ich konnte nach dem Unfall noch 400 Meter joggen. An guten Tagen. Es gab Phasen, da hatte ich Lähmungserscheinungen in den Beinen. Die Ärzte versuchten vieles. Über Jahre. Über Jahrzehnte. Aber es wurde nicht besser. Spazieren gehen war die einzige Form der Bewegung, die für mich schmerzfrei möglich war.

Es ist schlimm, wenn man Sport treiben will, es immer wieder versucht, aber spätestens nach dem Aufwärmen merkt, es wird wieder nichts, es tut jetzt schon weh.

Das ging so, 37 Jahre lang. Dann kam das Jahr 2019. Das Jahr 2019 war mein Glücksjahr. Mein Sohn hatte mittlerweile richtig mit Triathlon angefangen, beim TuS Neukölln Berlin. Ich ging oft mit zum Training. Als Zuschauer. Mitmachen konnte ich selten. Eines Tages sprach mich die Mutter von Amelie, einer jungen Triathletin beim TuS Neukölln an. Sie sagte, ich müsse mich doch bewegen. Ich entgegnete, ich könne mich nicht bewegen. Die Mutter von Amelie arbeitet als Physiotherapeutin. Sie lud mich in ihre Praxis ein, schaute sich den Befund meines Arztes an: beidseitig eingeklemmter Ischiasnerv L6/S1. Sie meinte, dass bekommen wir hin. Ich ging regelmäßig über Monate zu ihr in Behandlung. Nach jeder Sitzung ging es mir ein bisschen besser.

Bald konnte ich anfangen, mich sportlich zu betätigen. Im Februar 2019 absolvierte ich meinen ersten von elf Wettkämpfen, einen Duathlon. Anfangs musste ich bei den Wettbewerben teilweise noch gehen. Noch hatte ich Schmerzen. Aber das besserte sich. Der Berlin City-Triathlon Anfang August 2019 war das erste Rennen, bei dem ich die Distanz komplett schmerzfrei absolvieren konnte. Ich kam als einer der Letzten ins Ziel. Trotzdem forderte der Sprecher die Leute auf, zu klatschen. Der Zieleinlauf vor der Tribüne unweit des Olympiastadions war so ein ganz besonderer Moment für mich. Ich war stolz und gerührt.

Ich bin dem Sport im Allgemeinen und dem Triathlon im Speziellen sehr dankbar. Der Sport hat mich gesunden lassen. Sport ist etwas sehr Gutes für uns ältere Menschen. Sport hilft uns, stärker zu werden. Ich kann jetzt endlich wieder rennen, Gas geben. Das erfüllt mich extrem mit Glück. Es fühlt sich an, als entwickle ich mich in Richtung 40 – obwohl ich fast 70 Jahre alt bin.

Ich bin nicht mehr jung. Ich habe trotzdem noch Träume. Ich habe trotzdem noch Ziele. Ich will noch viele Triathlonrennen bestreiten.

Du hast auch eine tolle, spannende oder witzige Geschichte zu erzählen, wie du zum Triathlon gekommen bist? Oder Verletzungen/Krankheiten oder besondere Momente/Ereignisse haben dich erst recht angespornt, (weiter) aktiv zu sein? Dann schreibe uns eine E-Mail an medien@dtu-info.de. Und vielleicht erscheint hier bald deine Geschichte.